Burn-out in sozialen Berufen "Helfen kann süchtig machen"

Mit den eigenen Kräften am Ende, und trotzdem getrieben, anderen Menschen zu helfen: Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer erklärt, warum besonders Menschen in sozialen Berufen vom Burn-out betroffen sind.

Von Von André Bosse

Warum will einer Krankenpfleger oder Entwicklungshelfer werden? Weil er seinen Lebensunterhalt mit einem sinnvollen Beruf verdienen will. Mancher aber auch, weil er seelische Defizite wie mangelndes Selbstwertgefühl kompensieren möchte. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer hat dieses Phänomen "Helfersyndrom" genannt.1977 beschrieb er in seinem Buch "Hilflose Helfer" die Nöte von Menschen in helfenden Berufen.

SZ: Was genau bezeichnet das Helfersyndrom?

Wolfgang Schmidbauer: Menschen, die darunter leiden, leugnen unbewusst die eigene Bedürftigkeit. Sie binden ihr Selbstgefühl daran, anderen etwas zu geben.

SZ: Wo liegt das Problem?

Schmidbauer: Das Helfersyndrom führt zu einem Zustand einer narzisstischen Unersättlichkeit: Die Bestätigung, die man durch die berufliche Rolle erfährt, hat süchtig gemacht. Man kann den Drang danach nicht ablegen - selbst dann nicht, wenn die Kräfte am Ende sind. Hier liegt der Schlüssel dafür, warum besonders viele Menschen aus helfenden Berufen an Burn-out-Symptomen leiden. Schließlich hat Burn-out viel mit überhöhten Ansprüchen an die eigene Leistung zu tun - vor allem, wenn diese Leistung dann von außen nicht genügend Anerkennung findet.

SZ: Ihre erste Untersuchung zu diesem Thema stammt aus dem Jahr 1977. Was hat sich seitdem verändert?

Schmidbauer: Es ist salonfähiger geworden, über Konflikte zu sprechen. Helfer heute können offener zugeben, dass sie stolz auf professionelle Arbeit sind und gut für diese bezahlt werden wollen. Das alte Ideal uneigennütziger Aufopferung hat sich - übrigens auch in den kirchlichen Einrichtungen - abgeschwächt. Zugleich sind aber auch die Probleme deutlicher geworden, die dadurch entstehen, dass Geld in diesen Arbeitsfeldern eine größere Rolle spielt.

SZ: In Deutschland gibt es in vielen helfenden Berufen einen Mangel an guten Leuten. Was muss passieren, um diese Jobs attraktiver zu machen?

Schmidbauer:Die Arbeitsbelastung reduzieren und die Bezahlung verbessern. Das ist banal, aber sinnvoll. Doch Geld als Anreiz ist kein Allheilmittel. Die Arbeitsorganisation muss transparenter werden. Frauen und Männer aus diesem Bereich, die in der Lage sind, Helferteams zu leiten, müssen entwickelt und gefördert werden.

SZ: Was ist der beste Schutz gegen das Helfersyndrom?

Schmidbauer:Sich kontinuierlich weiterzuentwickeln und zu qualifizieren. In vielen helfenden Berufen ist das heute möglich. Da gab es früher deutlich mehr Sackgassen.