Berufsbild Biete Pflege, suche Prestige

Eine Krankenpflegerin misst in einer Hamburger Klinik den Blutdruck ihrer Patientin: Dass auch Pfleger sich viel medizinisches Fachwissen aneignen müssen, ist vielen nicht bewusst.

(Foto: picture alliance / Christophe Ga)

Sie machen einen wichtigen Job und verdienen damit mehr als andere Fachkräfte. Trotzdem ist das Berufsbild der Krankenpfleger unattraktiv - wie ließe sich das ändern?

Von Larissa Holzki

Pfleger verdienen zu wenig. Pfleger brauchen mehr Anerkennung. Der Beruf muss attraktiver werden. Seit Jahrzehnten hört man diese Klagen, aber sie werden immer lauter. Auch, weil zuletzt immer häufiger vermeldet wurde, dass Stationen geschlossen und Operationen in Kliniken verschoben werden, weil es an Pflegekräften fehlt.

Doch wenn man sich Statistiken anschaut, bleibt fraglich, ob die richtigen Mittel schon gefunden sind, um das Berufsbild aufzuwerten. Geld allein kann es nicht sein: Fachkräfte für Krankenpflege gehören zur besser bezahlten Hälfte der Gesellschaft, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2015 analysiert. Im Osten Deutschlands liegt ihr mittleres Bruttoentgelt um mehr als 18 Prozent über dem Mittel aller dort Beschäftigten, im Westen sind es immerhin 1,4 Prozent mehr: 3139 Euro. Das ist zwar nicht viel, aber mehr als die meisten Fachkräfte, wie Einzelhandelskauffrauen, Dachdecker oder Bürokaufmänner, verdienen. Und bei einer repräsentativen Umfrage zum Ansehen verschiedener Berufsgruppen erreichten Kranken- und Altenpfleger kürzlich Rang drei der angesehensten Berufe.

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Pfleger werden oft auf das Helfen reduziert

Corinna Jacobs pflegt am Uniklinikum in Köln schwer kranke Patienten. Damit sie offen sprechen kann, ist ihr Name geändert. "Helferberufe werden immer als erste genannt", sagt sie, angesprochen auf die Statistik. Aber auf das Helfen werde sie eben auch reduziert. "Toll, dass Du das machst - fremde Menschen waschen, das könnte ich nicht", höre sie oft. Dabei sei sie gar kein besonderer Menschenfreund. "Ich habe kein Helfersyndrom, ich finde Medizin spannend", sagt Jacobs. Sie würde sich wünschen, dass auch die fachlichen Anforderungen gesehen werden.

Was Jacobs beschreibt, ist nicht bloß persönliche Befindlichkeit, sondern ein Dilemma: Pflege wird von der Gesellschaft als wichtig erachtet und wertgeschätzt. Das heißt jedoch nicht, dass die Menschen, die diese Tätigkeit ausüben, Wertschätzung dafür erfahren. Weshalb die Pfleger im Berufsalltag eher geringeschätzt werden und wie man das ändern könnte, analysieren Berufssoziologen und Arbeitsökonomen. Mögliche Verbesserungen sehen sie bei Karrierechancen, Ausbildung, Kompetenzen und Technisierung.

Das hohe Prestige der Ärzte erniedrigt die Pfleger

Um zu verstehen, wie das gesellschaftliche Bild eines Berufs entsteht, muss man sich dessen historische Entwicklung und seinen Stand zwischen anderen Berufsgruppen anschauen. Sebastian Brandl betrachtet das wissenschaftlich, er ist Arbeits- und Berufssoziologe an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Schwerin: "Pflege wird tendenziell als eine Tätigkeit gesehen, für die man keine Ausbildung braucht", sagt er. Denn Menschen hätten schon immer kranke und alte Angehörige pflegen müssen, vor allem Frauen konnten das qua Familienmitgliedschaft.

Fast automatisch werde die Berufsgruppe deshalb als eher gering qualifiziert eingeschätzt. Für Berufsbilder allgemein gilt jedoch: "Je höher die notwendige Bildung, desto höher das Prestige", sagt Brandl. Dabei wird akademische Bildung über die berufliche gestellt.

Pfleger im Krankenhaus bekommen das besonders stark zu spüren, sagt der Gesundheitsökonom Günter Neubauer: Sie litten unter dem hohen Prestige der Ärzte. Diese stünden an der Spitze, weil sie überlebenswichtige Behandlungen einleiten und riskante Operationen vornehmen. "In dieser Hierarchie haben Pfleger immer den Makel, nur der Zweitbeste zu sein", sagt Neubauer. Hinzukommt, dass die Ärzte eine Lobby haben, die sehr stark darauf achtet, dass der Abstand bei der Vergütung - der Geld gewordenen Anerkennung - eher größer als kleiner wird.