Ernährung Satt fotografiert statt satt gegessen

In sozialen Netzwerken nennt man sie Foodie - das Foto der zubereiteten Mahlzeit.

(Foto: golubovy, Fotolia)
  • Wer abnehmen will, sollte sein Essen ablichten, raten Wissenschaftler im Fachmagazin Nutrients.
  • "Wenn Menschen beim Arzt danach gefragt werden, was und wie sie essen, wollen sie zwar nicht direkt lügen, dennoch aber ihre Ernährung positiver darstellen als sie ist", sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Mary Cluskey von der Oregon State University.
  • Das Fotografieren von Essen ist in der Diätberatung bereits zu einer gängigen Methode geworden, um Menschen ein Gefühl für ihre tatsächlichen Essgewohnheiten zu geben.
Von Werner Bartens

Sie sind fast so populär wie Katzenvideos: Aufnahmen von Mahlzeiten und der heiter inszenierten Nahrungsaufnahme finden sich auf allen Kanälen und in allen sozialen Netzwerken. Da sieht man junge Frauen stolz vor eigenwilligen Backkreationen, verliebte Paare, wie sie die exquisite Speisenauswahl im Restaurant im Bild festhalten.

Und manchmal ist auch nur der Mitesser von nebenan vor seinem Riesenschnitzel oder im Kampf mit den Spaghetti Carbonara zu sehen. Als "Food Porn" wurde das Phänomen bereits verspottet, mit dem Menschen ihre kulinarischen Vorlieben zur Schau stellen und zeigen, was sie auf dem hübsch dekorierten Teller haben. Das Präsentier-Trio "Mein Haus, mein Auto, mein Boot" ist längst abgelöst worden von "Mein Auflauf, mein Burger, meine Quinoa-Paste".

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Doch während Alltagsarchäologen und Trendforscher noch darüber rätseln, was die private Food-Fotografie über die Abgrenzungsrituale und Selbstdarstellungswünsche einer satten Mittelschicht aussagt, haben Mediziner den Nutzen der Essensbilder für die Gesundheit entdeckt. Wer abnehmen will, solle bitte schön unbedingt sein Essen ablichten, so der Rat von Wissenschaftlern im Fachmagazin Nutrients.

Bilder erleichtern die Erinnerung. Und führen dem Patienten sein Essverhalten vor Augen

"Wenn Menschen beim Arzt danach gefragt werden, was und wie sie essen, wollen sie zwar nicht direkt lügen, aber sie sind sicher daran interessiert, ihre Ernährung positiver darzustellen als sie ist", sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Mary Cluskey von der Oregon State University. Ernährungsberater und Mediziner seien schließlich davon abhängig, genau zu erfahren, wie groß die Portionen sind und was darin ist, wenn sie die Diät ihrer Klientel bewerten und ändern wollen. Doch zuvor gilt es, die vielen Fehlerquellen auszuschalten und die Neigung von Patienten zu überwinden, ihre Gewohnheiten zu beschönigen.

"Bilder erleichtern die Erinnerung", sagt Cluskey. "Es kann ja auch unterhaltsam sein, wenn man die Leute auf den riesigen Teller anspricht, den sie fotografiert haben und sie fragt, ob sie das tatsächlich mit der kleinen Zwischenmahlzeit gemeint haben. Und außerdem haben viele Menschen Spaß daran, ihr Essen aufzunehmen und zu zeigen." Allerdings weiß Cluskey auch, dass es noch ein weiter Weg ist, bis die Menschen aus den Nahrungskreationen, die sie zu sich nehmen, die richtigen Schlüsse ziehen. Ebenso wichtig wie das Wissen um den Nährstoffgehalt und den möglichen gesundheitlichen Nutzen der Nahrung sei auch die passende Aufnahmetechnik. Cluskey empfiehlt einen 45-Grad-Winkel, die passende Beleuchtung und Aufnahmen im Stehen.

"So kompliziert muss man es gar nicht machen", sagt Martin Halle, Chef der Sportmedizin an der Technischen Universität München. Wenn stattliche Fiftysomethings zu ihm kommen, die ein paar Pfund zu viel auf den Rippen haben und schnell außer Atem geraten, rät er vor der Diät einfach dazu, "drei Tage lang von allem ein Bild zu machen, was man isst". Nicht nur die Hauptmahlzeiten, sondern auch zwischendurch.

Der Effekt sei erstaunlich: "Die meisten Menschen machen sich gar nicht klar, was da im Laufe eines Tages zusammenkommt." Die Fotoaufnahmen des Essens führen laut Halle dazu, dass sich der Patient selbst beobachtet und auf dem Foto sein Essensverhalten sieht. "Wer sich selbst mit Chips vor dem Fernseher sieht, der isst weniger davon", so der Sportmediziner. Der Anblick der persönlichen Essensrationen ist offenbar oft die beste Motivation, schnell ein paar Kilo loszuwerden.