Uniklinikum Heidelberg Skandal um Herztransplantationen weitet sich aus

  • Am Universitätsklinikum Heidelberg sollen Patienten Herztransplantationen bekommen haben, die ihnen eigentlich nicht zustanden.
  • Die Daten der Patienten sollen so manipuliert worden sein, dass sie kränker wirkten.
  • Nach Berlin und München-Großhadern ist Heidelberg das dritte Herzzentrum, das mit Vorwürfen konfrontiert wird.
Von Christina Berndt

Der Skandal um Herztransplantationen weitet sich aus. Auch am Universitätsklinikum Heidelberg hat die bei der Bundesärztekammer angesiedelte Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK) Unregelmäßigkeiten in größerem Stil festgestellt, wie die Süddeutsche Zeitung aus informierten Kreisen erfuhr. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen mehrere Beschuldigte. Es werde "ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung durch manipulierte Listungen von Herztransplantationspatienten geführt", teilte die Staatsanwaltschaft auf Anfrage mit. Es seien Patientenakten sichergestellt worden, deren Auswertung aber noch andaure.

Nach SZ-Informationen wurden in Heidelberg in den vergangenen Jahren mehrere Dutzend Spenderherzen unter unlauteren Bedingungen verpflanzt. Dazu sollen die Akten der Patienten so manipuliert worden sein, dass sie kränker wirkten, als sie in Wirklichkeit waren. Andere Patienten wurden dadurch benachteiligt; sie mussten länger leiden; manche mögen in der Folge auch gestorben sein.

Das sagt das Klinikum zu dem Vorwurf

Das Klinikum bestätigt auf Anfrage, dass "bei insgesamt 34 Patienten" aus den Jahren 2010 und 2011 "Meldungen zur Herztransplantation nicht in vollem Umfang den Richtlinien der Bundesärztekammer entsprochen hatten". Seit September 2011 gebe es aber keine Auffälligkeiten mehr, betont der Ärztliche Direktor Guido Adler.

Seit Bekanntwerden der Vorwürfe durch die PÜK arbeite das Klinikum aktiv an einer Aufarbeitung. Die Bundesärztekammer habe "die äußerst gründliche eigene Aufarbeitung der einzelnen Transplantationen durch das Universitätsklinikum Heidelberg" ausdrücklich gelobt. Das Klinikum habe selbst Strafanzeige erstattet.

"Viele Fälle nach demselben Muster wie in Berlin und Großhadern"

Ähnliche Vorwürfe erhebt die PÜK auch gegen das Berliner Herzzentrum, wie im Sommer 2014 bekannt geworden war, und gegen das Münchner Klinikum Großhadern. In Berlin fand die PÜK ein gutes Dutzend Fälle; in Großhadern sei in den Jahren 2010 bis 2012 "bei mindestens 17 Patienten bewusst und gewollt" gegen Richtlinien zur Herztransplantation verstoßen worden. Zum Fall Heidelberg will sich die Kommission nicht äußern. "Wir nehmen keine Stellung zu laufenden Verfahren", heißt es aus der Pressestelle. Mit dem Verfahren vertraute Personen sagten der SZ jedoch, dass es in Heidelberg "viele Fälle nach demselben Muster wie in Berlin und Großhadern" gebe.

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Weil der Mangel an Spenderherzen groß ist, haben Herzpatienten erst dann eine Chance auf ein Spenderorgan, wenn Ärzte ihren Zustand als "hochdringlich" (kurz HU) einstufen. Dann werden sie, wie es in der Richtlinie zur Herztransplantation heißt, "vorrangig vor allen anderen Patienten transplantiert". Bevor Ärzte einen Patienten aber als HU einstufen können, muss dessen Zustand "akut lebensbedrohlich" sein. So muss der Patient auf der Intensivstation liegen, und sein Herz muss sich selbst durch hohe Dosen von Herzmedikamenten nicht stabilisieren lassen. In den nun von den Staatsanwaltschaften untersuchten Fällen aber wurde die Dringlichkeit der Transplantation mutmaßlich vorgetäuscht.

Bericht verschoben - wegen vieler Auffälligkeiten

Seit im Sommer 2012 Manipulationen bei Lebertransplantationen bekannt wurden, überprüft die PÜK regelmäßig alle deutschen Transplantationszentren. Dabei kamen zunächst Unregelmäßigkeiten an fünf Leber-Zentren ans Licht. Die Herz-Programme werden erst seit dem vergangenen Jahr untersucht. Üblicherweise präsentiert die PÜK ihren Bericht jedes Jahr im September. Doch in diesem Jahr wird es frühestens November werden - auch weil so viele Auffälligkeiten gefunden wurden. Es seien - neben Berlin, Großhadern und Heidelberg - auch weitere Zentren betroffen, allerdings in erheblich geringerem Ausmaß, heißt es.

Während die Zentren in Berlin und Heidelberg die Unregelmäßigkeiten einräumen und selbst an der Aufarbeitung beteiligt sind, bestreitet Großhadern die Vorwürfe. Man könne nicht von Manipulationen sprechen, betont der dortige Ärztliche Direktor, Karl-Walter Jauch. Vielmehr seien Patienten in Großhadern nach dem neuesten Stand der Wissenschaft behandelt worden, der von den veralteten Richtlinien nicht ausreichend erfasst werde.

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