Finanzindustrie Großbaustelle Bank

Zwei Jahre nach dem Lehman-Crash steht die Welt bei der Krisenbewältigung noch ganz am Anfang. Die neuen Kapitalregeln sind zwar eine Zäsur, doch weitere Reformen müssen folgen.

Ein Kommentar von Martin Hesse

Vor zwei Jahren brach die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zusammen und stürzte die Finanzwelt ins Chaos. Bald darauf mahnte Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine solche Krise dürfe sich nicht wiederholen. US-Präsident Barack Obama schwor, nie wieder würden sich Steuerzahler von Banken als Geiseln nehmen lassen. So wie sie es damals taten, damit nicht auch noch AIG, Hypo Real Estate, Royal Bank of Scotland und andere Finanzkonzerne kollabierten und die Weltwirtschaft insgesamt in eine Katastrophe stürzten.

Zwei Jahre später muss der Bund noch einmal mit 40 Milliarden Euro dafür bürgen, dass die Hypo Real Estate ihre Schulden begleicht. Ganze Staaten wie Griechenland und Irland sind in den Sog der Schuldenkrise geraten, die bei den Banken begann und von den Staaten auf sie zurückzuschlagen droht. Zwei Jahre nach Lehman gibt es aber auch positive Signale. Finanzaufseher aus aller Welt legen gemeinsam strengere Kapitalregeln für Banken fest. Und die Deutsche Bank sammelt zehn Milliarden Euro an der Börse ein. Sie braucht den Staat nicht, um sich zu stärken, obwohl Kritiker dies immer wieder geargwöhnt hatten.

Wo steht die Welt zwei Jahre nach Lehman bei der Bewältigung dieser Jahrhundertkrise? Sie steht ganz am Anfang. Merkel und Obama konnten ihre Versprechen nicht halten. Zwar ist es ihnen gelungen, die Weltwirtschaft nach einer kurzen und schweren Rezession wieder zu Wachstum zurückzuführen. Doch der Aufschwung ist fragil, und der Preis dafür sind ausufernde Staatsschulden in vielen Ländern. Zahlreichen Banken geht es wieder gut, auch weil die Konjunktur sich erholt hat. Doch das kaschiert, dass viele Kreditinstitute - etwa die meisten Landesbanken und die HRE - noch immer in einem erbärmlichen Zustand sind. Vor allem aber ist das Finanzsystem insgesamt nur wenig besser gegen Stürme gefeit als vor zwei Jahren.

Immerhin, die neuen Kapitalregeln sind eine Zäsur. 2008 brachen auch deshalb viele Banken unter ihren Verlusten zusammen, weil das Geld, das sie verliehen, mit zu wenig eigenem Kapital unterlegt war. Aufseher haben nun vorgeschrieben, dass Banken künftig auf einem dickeren Fundament stehen müssen. Aber sie haben auf Druck der Lobby lange Übergangsfristen gewährt und Ausnahmen genehmigt. Noch viele Jahre dürfen etwa die Herren deutscher Banktürme gewissermaßen porösen Beton verwenden. Die Aufseher sind mit den Bankern zu sanft umgesprungen. Das lässt sich auch daran ablesen, dass Analysten am Montag darüber sinnierten, welches Kreditinstitut womöglich bald Geld an die Aktionäre ausschütten könnte - weil es plötzlich mehr Kapital hat als nötig.

Außerdem müssen auf die Kapitalregeln weitere Reformen folgen. Ein solideres Fundament macht noch keinen stabilen Turm und schon gar keine erdbebensichere Stadt. Die Politik sollte sich auf Obergrenzen für die Verschuldung der Banken einigen und den Handel mit riskanten Finanzprodukten nur noch an beaufsichtigten Börsen zulassen. Vor allem aber muss es möglich sein, Banken zu schließen, ohne eine Kettenreaktion an den Finanzmärkten auszulösen. Weil es solche Mechanismen nach wie vor nicht gibt, muss die Bundesregierung immer neue Hilfen für die HRE gewähren.

Der klandestine Umgang mit diesem Krisenfall wie auch das Gezerre um den europäischen Stresstest für Banken zeigen, worin das Grundproblem des Finanzsektors liegt: Schwächen sind dort ein Tabu. Katastrophen werden kleingeredet, marode Banken zum Schaden der Gesamtwirtschaft am Leben gehalten. Es ist wie bei einem Kaufhausbesitzer, der weiß, dass sein Gebäude einsturzgefährdet ist und trotzdem die Leute ein und aus gehen lässt, weil er sich sonst die Renovierung nicht leisten kann. Wüssten die Kunden um den Zustand des Hauses, setzten sie keinen Fuß mehr in die Tür.

So darf man mit Banken nicht umgehen. Sie brauchen nicht nur ein starkes Fundament, sie brauchen auch große Fenster. Nach dem Lehman-Schock bestand Einigkeit, dass das Finanzsystem einfacher, transparenter und global vereinheitlicht werden muss. Doch auch die neuen Kapitalregeln sind weder einheitlich noch einfach. Darunter leidet die Transparenz, weil Banken weiterhin nicht vergleichbar sein werden.

Politiker und Bürger müssen aber auch begreifen, dass sich Risiken nicht wegregulieren lassen. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben von Banken, Risiken zu übernehmen, die einzelne Verbraucher, Unternehmen und auch Staaten nicht stemmen können. Nur so lassen sich Wachstum, Innovation und die Bedürfnisse der Bürger finanzieren.

Diese Risiken aber müssen für Aktionäre, Gläubiger und Kunden erkennbar sein. Nur dann können sie entscheiden, welche Bank Vertrauen verdient. Das erfordert transparente Bilanzen und verständliche Finanzprodukte - aber auch Kunden mit finanzieller Allgemeinbildung. Selbst eine Demokratie mit stabilen Regeln und Institutionen funktioniert nur, wenn aufgeklärte Bürger die Herrschenden aktiv kontrollieren. Nicht anders ist es bei den Banken. Nur dass dort auch zwei Jahre nach Lehman die Pläne für den neuen institutionellen Rahmen erst rudimentär gezeichnet sind.