IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn Das Erbe des gefallenen Weltbankers

Strauss-Kahns Anwalt spricht von "einvernehmlichen Sex". Die IWF-Mitgliedsländer denken bereits über seine Nachfolge nach. Auch Deutsche-Bank-Chef Ackermann und ein namhafter deutscher Politiker werden genannt.

Von Nikolaus Piper, New York

Die erste Nacht hat er überstanden. Die erste Nacht in einer Einzelzelle auf der New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island. Dominique Strauss-Kahn, der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), weilte dort, wo die US-Metropole ihre Kriminellen wegsperrt - oder jene, die sie dafür hält. Am Montag hatte es die Richterin Melissa Jackson in Manhattan abgelehnt, Strauss-Kahn gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freien Fuß zu setzen - unter anderem, weil sie erhöhte Fluchtgefahr vermutete. Und weil Frankreich, dessen Staatsbürger Strauss-Kahn ist, kein Auslieferungsabkommen mit den USA hat.

Die Bilder von der Vernehmung des sozialistischen Politikers und Weltbankers in den schäbigen Gerichtsräumen sind um die Welt gegangen und haben in der Wirtschaftswelt für Entsetzen gesorgt, und in Frankreich für einen Schock. Strauss-Kahn wird der versuchten Vergewaltigung eines Zimmermädchens in einem New Yorker Hotel bezichtigt.

Am Freitag entscheidet eine Jury von Geschworenen über eine mögliche Anklage gegen den Mann aus Paris. Bis dahin muss Strauss-Kahn auf Rikers Island zwischen 14.000 Insassen in Untersuchungshaft bleiben. Benjamin Brafman, der Anwalt von Strauss-Kahn, erklärt, sein Mandant werde seine Unschuld beweisen. Die Ergebnisse der forensischen Untersuchung belegten, dass die Hotelangestellte von Strauss-Kahn nicht zum Sex gezwungen worden sei - das ist die Version, die das Boulevardblatt New York Post mit Bezug auf den Anwalt nahelegt. Danach habe sie allem zugestimmt. Damit scheint klar zu sein, wie die Linie der Verteidigung aussieht: Zwischen Strauss-Kahn, 62, und dem Zimmermädchen, 32, hätte es zwar sexuelle Handlungen gegeben, sie fanden jedoch angeblich im Einvernehmen statt. In französischen Medienberichten hatte es geheißen, Strauss-Kahn habe für die angebliche Tatzeit ein Alibi. Er habe mit seiner Tochter zu Mittag gegessen.

Die Behandlung des französischen Politikers und Finanzmanns durch die amerikanische Justiz hat in Europa für heftige Kontroversen gesorgt. Die französischen Sozialisten sprechen von einem "Lynchmord". Dagegen legt die österreichische Finanzministerin Maria Fekter dem IWF-Chef den Rücktritt nahe. Er müsse sich selbst überlegen, dass er der Institution Schaden zufüge, sagt sie.

Ihre spanische Kollegin Elena Salgado erklärt: "Die Solidarität, zumindest meine, gilt der Frau, die eine Aggression erlitten hat, wenn es so war." Ihrer Ansicht nach seien die Vorwürfe gegen Strauss-Kahn von "außergewöhnlicher Schwere". Diese Äußerungen zeigen mit aller Deutlichkeit, dass der inhaftierte IWF-Direktor inzwischen dabei ist, seinen Rückhalt in Europa zu verlieren.

Zudem wurde am Dienstag klar, dass sich die Mitglieder des IWF bereits auf die Zeit nach Strauss-Kahn einstellen. Eine intensive Debatte um die Nachfolge hat begonnen. Die europäischen Regierungen wollen an der ungeschriebenen Regel festhalten, dass der IWF-Direktor aus Europa kommen muss. Die Schwellenländer sehen dagegen jetzt eine Chance, selbst zum Zuge zu kommen.

"Indien und Brasilien wären gute Optionen"

Der nächste IWF-Chef sollte nach den Vorstellungen der brasilianischen Regierung unbedingt aus einem großen Schwellenland kommen. Seine Regierung wolle aber keinen Druck ausüben, um das voranzutreiben, sagt ein ranghoher brasilianischer Regierungsvertreter: "Wir glauben, dass Indien und Brasilien gute Optionen wären." Allerdings herrsche auch die Einschätzung vor, dass Europa seinen Anspruch auf den Posten aufrechterhalten werde. Eine Sprecherin des chinesischen Außenministers erklärt, die Auswahl der Führungsspitze solle auf der Basis von "Fairness, Transparenz und Leistung" erfolgen. Weitere Anmerkungen wären unangemessen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich am Montag wegen der Schuldenkrise für einen Europäer als Chef der mächtigen Finanzinstitution ausgesprochen, sollte ein Führungswechsel notwendig werden. Als Favoritin unter den Europäern gilt die französische Finanzministerin Christine Lagarde.

Viele andere Namen sind aber gegenwärtig im Gespräch, beispielsweise der frühere deutsche Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) und sogar Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Ein weiterer aussichtsreicher Kandidat, der Chef der polnischen Zentralbank, Marek Belka, hat inzwischen seinen Verzicht auf eine Kandidatur erklärt. Aus dem Kreis der Entwicklungs- und Schwellenländer werden dem türkischen Wirtschaftsreformer Kemal Dervis gute Chancen eingeräumt, sollte das alte Schema der Kandidatenfindung aufgebrochen werden.

Weitere Aspiranten für diesen Fall sind der Ex-Finanzminister Südafrikas, Manuel Trevor, der mexikanische Zentralbankpräsident Agustin Carstens, der indische Ökonom Montek Singh Ahluwalia und der Chef der Bank von Israel, Stanley Fischer. Gegen ihn könnte allerdings eine zu große Nähe zu den Vereinigten Staaten sprechen. Die USA stellen mit Robert Zoelleck bereits den Chef der Weltbank.

Der Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, kritisierte unterdessen die Nachfolgedebatte. Er warnte vor einer "Vorverurteilung" seines Freundes Strauss-Kahn. Und: Er sei "sehr, sehr traurig und fassungslos".

Das Kandidaten-Karussell

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