Sarah Diefenbach über Smartphones Diese Frau erforscht, warum Selfies auf andere dumm wirken

"Eine Zeitschrift würde man auch nicht mitten im Gespräch auf Augenhöhe hochhalten", sagt Sarah Diefenbach.

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Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach erklärt, was das Smartphone mit uns macht und wie sich Gespräche verändern, wenn eines auf dem Tisch liegt.

Von Lea Hampel

Trifft man Sarah Diefenbach für einen Nachmittagsplausch, bleibt der Tisch, für heutige Verhältnisse, vergleichsweise leer. Eine Kaffeetasse steht drauf, aber kein Tablet-Computer liegt daneben, und erst recht kein Handy. Wo ihr Smartphone denn sei? Sie runzelt kurz die Stirn, "vermutlich in der Tasche". Sarah Diefenbach, 33 Jahre, ist viel beschäftigte Professorin - würde sie darauf achten, ständig erreichbar zu sein, es wäre verständlich. Doch das Gegenteil ist der Fall. Und das nicht nur, weil sie höflich ist. Sondern weil sie aus ihrer Arbeit weiß, dass Gespräche weniger tiefgründig verlaufen, wenn ein Handy auf dem Tisch liegt.

Seit vergangenem Jahr ist Diefenbach Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Die Frage, wie wir mit Dingen interagieren in einer Welt, in der man immer häufiger auf einen Touchscreen als auf einen Menschen reagieren muss, bewegt sie schon lange. Im Mai hat sie mit einem Kollegen ein Buch veröffentlicht, "Digitale Depression" heißt es und erklärt, wie uns unsere technischen Geräte gelegentlich um Glücksmomente bringen.

Als sie anfing, in Darmstadt Psychologie zu studieren, war noch nicht klar, dass es in diese Richtung gehen würde. Damals war sie vor allem auf der Suche nach einem tollen Nebenfach und entschied sich, vor allem, um sich selbst eine Herausforderung zu stellen, für Informatik. Ihr Vater ist in der Branche, mit Skepsis und Neugier hatte sie in jungen Tagen die Computer beäugt, die früh in ihrem Alltag eine wichtige Rolle spielten.

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Über die Jahre forscht sie immer stärker im Bereich Interaktion zwischen Mensch und Gerät. Zum einen, weil ihr das Phänomen im Privaten häufiger begegnet. Erst neulich wollte sie spontan mit einer Freundin Sport machen, die sagte ab mit der Begründung, die Fitness-App könne das gerade nicht aufzeichnen. Zum anderen hat sie festgestellt, dass sich die Themen Konsumentenerfahrung, Design und Psychologie oft überschneiden.

In ihrer Doktorarbeit ging es etwa darum, warum Menschen Produkte oft nach rationalen Kriterien auswählen und emotionale Impulse unterdrücken, warum wir uns also beispielsweise eine Begründung überlegen, um den Kauf eines Handys zu rechtfertigen, statt zuzugeben, dass wir es einfach hübsch finden.

Die Technik ist faszinierend, aber: "Es gibt nie etwas umsonst."

Besonders gerne beleuchtet Diefenbach Alltagssituationen - und belegt mit ihrer Forschung vieles, was wir vermuten, aber nicht belegen können. Etwa die Erkenntnis, dass schon das Handy auf dem Tisch reicht, um die Intensität einer Unterhaltung zu verringern, ganz zu schweigen von dem Moment, wenn einer anfängt, darauf zu lesen. "Eine Zeitschrift würde man auch nicht mitten im Gespräch auf Augenhöhe hochhalten", sagt die Professorin.

Auch andere Ergebnisse ihrer Forschung dazu, was Technik mit uns macht, sind erschreckend: Etwa finden die meisten Menschen ihre eigenen Selfies lustig. Die der anderen halten sie für selbstdarstellerisch. Und Menschen, die an einem Gruppenchat auf Facebook teilgenommen haben, empfinden das noch stärker als Zeitverschwendung als die digitale Unterhaltung mit nur einer anderen Person.

Was Diefenbach dennoch wichtig ist: Sie und ihre Studenten machen auch positive Entdeckungen - wie etwa in einer neuen Studie, die zeigen konnte, dass Menschen ein erstaunliches Maß an Vertrauen in Roboter entwickeln und deren Urteil teils sogar stärker als dem eigenen vertrauen. Ein Zwischenfazit zu ihrer Forschung fällt deshalb gemischt aus. "Natürlich ist es faszinierend, was technisch alles möglich ist", sagt sie. Aber: "Es gibt nie etwas umsonst." Auch Aufmerksamkeit ist eben eine Währung, mit der man haushalten sollte.

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