Nach Amoklauf von Newtown NRA reicht Schuld an Computerspiele-Industrie weiter

Der amerikanische Vizepräsident Joe Biden bestellt Vertreter der Spiele-Industrie nach Washington: Es soll über schärfere Gesetze gegen gewalttätige Computerspiele beraten werden. Das begrüßen auch die Waffenlobbyisten von der NRA.

Von Nicolas Richter, Washington

Die Werbung für das Computerspiel "Call of Duty - Black Ops II" zeigt eine apokalyptische Stadt, in der jeder gegen jeden kämpft. Als Waffen stehen Maschinengewehre, Panzer und Flugzeuge bereit, und wer seinen Feind damit überrascht, sagt hämisch "Surprise".

Das Spiel ist seit Mitte November auf dem Markt und hat nach Angaben seines Herstellers Activision/Blizzard allein in den ersten 24 Stunden einen Umsatz von einer halben Milliarde Dollar weltweit erzielt. Der Slogan lautet: "In jedem von uns steckt ein Soldat." Ende vergangener Woche rief die Pflicht nach Washington, diesmal im richtigen Leben, denn Vize-Präsident Joe Biden hatte Manager der Spiele-Industrie ins Weiße Haus einbestellt.

An diesem Dienstag wird Biden ein Bündel an Ideen für schärfere Gesetze vorlegen, dann wird sichtbar, welche Schlüsse das Weiße Haus aus dem Massaker in Newtown zieht, bei dem ein junger Mann 20 Kinder und mehrere Erwachsene erschossen hat. Bidens Pläne gelten offenbar nicht nur dem Waffenrecht und einer besseren Betreuung der psychisch Labilen, sondern auch Gewaltspielen. Zum ersten Mal seit Langem ist diese erfolgsverwöhnte Industrie in der Defensive.

Seit Jahren streiten Experten darüber, ob Spiele wie "Call of Duty" Amokläufe mitverursachen. Manche Psychologen bezweifeln dies, während andere verlangen, die Diskussion endlich zu beenden, weil der Zusammenhang längst feststehe. Der Täter von Newtown jedenfalls soll viel Zeit mit den Spielen verbracht haben, und etliche Politiker beklagen seit seinen Taten die "Kultur der Gewalt" in den US-Unterhaltungsmedien, im Kino, im Fernsehen, in Spielen.

Auffällig ist, dass sich unter den Spielekritikern auch etliche Republikaner befinden. Der konservative Gouverneur Chris Christie erklärte: "Spiele wie Call of Duty kommen mir nicht ins Haus. Es kann mir niemand erzählen, dass ein Kind nicht abstumpft, wenn es stundenlang Leute erschießt."

Auch die NRA sieht Schuld bei Computerspielen

Die Spiele-Industrie, die allein in den USA 25 Milliarden Dollar pro Jahr umsetzt, sieht sich damit einer seltenen Allianz gegenüber: Dazu gehören das Weiße Haus, rechte und linke Medienkritiker sowie die mächtige Waffenlobbygruppe National Rifle Association (NRA). Deren Vize-Präsident Wayne LaPierre hat nach Newtown Spiele wie etwa "Kindergarten Killers" als Ursache für Amokläufe genannt, während die von Bürgern gehorteten Kriegswaffen natürlich nur dem Sport und der Selbstverteidigung dienten.

Aus Sicht der NRA dürfte es sich auszahlen, die Schuld weiterzureichen - in der Hoffnung, dass öffentlicher Druck und Gesetzesvorschläge nicht nur auf ihr allein lasten. Auch das Weiße Haus hat ein Interesse, seine Initiativen zu streuen, da es schwierig sein wird, schärfere Waffengesetze im Kongress durchzusetzen. Eine Niederlage des Präsidenten etwa beim angestrebten Kriegswaffenverbot ließe sich politisch ausgleichen, wenn er zugleich neue Regeln für Gewaltspiele bekäme.

Die Spielehersteller freilich möchten keine leichten Opfer sein. Sie bearbeiten längst die Abgeordneten und zitieren Gerichtsurteile, die ihre Produkte unter den Schutz der Verfassung stellen. Womöglich ist die Waffenlobby jetzt sogar überrascht, wie viel die Spielelobby von ihr gelernt hat. Surprise.