Interview "Extremisten benehmen sich in sozialen Medien wie ein Schwarm"

Terroristen nutzen Twitter und andere Netzwerke, um ihre Botschaften zu verbreiten.

(Foto: REUTERS)

Der Hass im Netz hat reale Folgen in der Offline-Welt, sagt Jonathon Morgan. Er untersucht, wie IS-Terroristen oder Rechtsextreme online kommunizieren - und warum Facebook und Twitter keinen guten Job machen.

Interview: Jan Rothenberger

Der US-Amerikaner Jonathon Morgan ist Daten-Wissenschaftler, sein Fachgebiet ist gewalttätiger Extremismus. Er hat unter anderem 2015 die Twitter-Strategie der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) untersucht. Im Interview erzählt er von Gleichschaltung und terroristischen Filterblasen im Internet, und fordert mehr Engagement von den großen Plattformen.

Sie analysieren, wie Neonazis oder Dschihadisten online kommunizieren. Wie funktioniert das?

Jonathon Morgan: Es ist wie im richtigen Leben. Menschen, die Schaden anrichten, haben bestimmte Verhaltensweisen - online und in der realen Welt. Wir nutzen Algorithmen und Datenanalyse, um diese Muster zu finden. So identifizieren wir Gruppen, die radikale Ideologien annehmen, anhand ihrer Sprache. Extremisten vertreten per Definition extreme Ansichten, sprechen eine extreme Sprache. Das können wir messen.

Haben Sie ein Beispiel?

In einem typischen Zeitungsartikel ist das Wort "jüdisch" statistisch vergleichbar mit Worten wie "christlich" oder "muslimisch". In rechtsextremen Tweets taucht "jüdisch" in Kontexten auf, wo es mit Worten wie "Kommunist", "homosexuell", "anti-weiß" oder "satanisch" in Verbindung gebracht wird. Vorurteile und gewalttätige Rhetorik gehen online Hand in Hand.

Was haben Sie über solche Gruppen herausgefunden?

Extremistische Gruppen agieren vollkommen anders als Durchschnittsmenschen in den sozialen Medien. Wir chatten typischerweise mit Freunden, teilen Artikel und sprechen über Themen vom Mittagessen bis hin zu unserem Lieblingssportverein. Das ist normales Verhalten. Im Fall von Extremisten ist das fundamental anders. Sie fokussieren auf Ziele, bewegen sich koordiniert und sprechen über dieselben Themen, mit derselben Sprache. Sie benehmen sich wie ein Organismus oder wie ein Schwarm.

Schön und gut. Aber was hilft es, solche Hassbotschaften online zu analysieren?

Es ist wichtig, zu wissen, dass viele Islamisten, die aus dem Westen für den IS in den Dschihad zogen, sich online radikalisiert haben. Es gibt eine Beziehung zwischen dem Konsumieren extremistischer Inhalte im Netz und der Übernahme dieser Ideologien. Wenn wir herausfinden, wo extremistische Inhalte kursieren, hilft uns das, Menschen aufzuspüren, die vor einer vielleicht in Gewalt mündenden Radikalisierung stehen.

Sind Onlinegruppen eine Brutstätte für Terroristen?

Ja. Es gibt einen Echokammer-Effekt, der von den sozialen Medien noch verstärkt wird. Internetkonzerne haben ein klares Interesse. Das Nutzererlebnis soll ihre Kunden glücklich machen. Und wir sind dann am glücklichsten, wenn wir uns zu Menschen gesellen, mit denen wir uns einig sind und denen wir gerne zuhören, im Guten wie im Schlechten. Die Funktionsweise von Online-Communitys verstärkt ihre Isoliertheit. Im Fall von Extremisten ist dieselbe verdrehte Weltsicht in allen Kommunkationsformen zu finden: in der Sprache, die sie hören, und in den Inhalten, die sie konsumieren. Da wird es schwierig, eine realistische Perspektive zu behalten.

Weil einem niemand widerspricht.

Genau. Dabei zeigt die Forschung, dass man etwas bewirken kann, wenn man einschreitet und sich gegenüber solchen Menschen einmischt. Google hat damit experimentiert, Leute ins Visier zu nehmen, die dschihadistische Videos auf Youtube suchten. Sie bekamen Videoclips eingespielt, die den IS-Mythos entzaubern. Die Untersuchung konnte nachweisen, dass die Einspieler auf Interesse trafen. Das zeigt: Wenn Sie den Erzählweisen von Extremisten etwas entgegensetzen wollen, müssen Sie gefährdete Menschen gezielt erreichen und eine Dosis Realität in ihre Onlineerfahrung hineinbekommen.

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Das amerikanische Außenministerium bekämpft Dschihadisten online auf eigene Weise - mit einem Twitter-Account, der IS-Unterstützer konfrontiert und ihnen ins Wort fällt. Was halten Sie davon?

Da ist zwar ein kompetentes Team am Werk, aber ich glaube, es ist der falsche Ansatz, Terroristen zu trollen. Es ist eine Sache, gezielt auf Individuen zuzugehen, aber eine andere, gegen sie zu polemisieren. Es wäre wichtiger, authentisch und empathisch zu erzählen. Zum Beispiel die Aussagen von Ex-Dschihadisten, die desillusioniert aus Syrien zurückgekehrt sind und andere davor warnen wollen, denselben Fehler zu machen. "Der Islamische Staat hat mich belogen und belügt dich" - das ist eine viel stärkere Botschaft. Und es hat sich immer wieder gezeigt, dass das mehr bewirkt, als sich über jemanden lustig zu machen.

Sie haben 2015 in einer Studie die Twitterstrategie des Islamischen Staats untersucht. Wie twittern Dschihadisten?

Wir fanden heraus, dass es eine Gruppe von rund 40 000 Konten auf Twitter gab, die den Islamischen Staat unterstützten, aber nur etwa 2000 sehr aktive Nutzer, welche die gesamten Aktivitäten befeuerten. Diese reagierten dafür sehr zielgerichtet. Wenn ein Konto gelöscht wurde, trat innerhalb von Stunden ein neues an seine Stelle und etablierte sich sofort wieder innerhalb der Gemeinschaft, mit denselben Botschaften wie zuvor. Der IS nutzte die Funktionsweise von Twitter gezielt aus, um seine Botschaften zu verbreiten, mit einem hohen Grad an Koordination. Wir fanden auch Kurioses heraus: Viele IS-Unterstützer ließen die Location-Funktion aktiviert, auch wenn sie vom Schlachtfeld in Syrien aus twitterten. Die Ortsangaben in diesen Tweets verrieten taktisch wichtige Informationen - gerade für ihre militärischen Gegner.