Geschlossene Gesellschaft Silicon Valley Weiß, männlich, Nerd

Im Silicon Valley kommen diejenigen am weitesten, die am meisten leisten? Weit gefehlt: In der Mehrzahl der Technologiefirmen geben weiße Männer den Ton an. Nun diskutiert das Tal der Tüftler, ob es sich mit seiner Gleichförmigkeit womöglich selbst um seine Innovationskraft bringt.

Von Varinia Bernau

Dann tauchte auch noch diese Zeichnung auf: Eine Blondine, üppige Oberweite, zwei Bierkrüge jonglierend, lädt zur Happy Hour. Keine große Sache, wenn das Bild in einer Autowerkstatt hängen würde. Es befand sich aber auf der Damentoilette am Firmensitz von Twitter. Und es lieferte neuen Zündstoff für eine bereits seit Tagen im Netz heiß diskutierte Frage: Wie frauenfeindlich ist das aufstrebende Internetunternehmen - und wie viel Machogehabe kann es sich leisten, wenn es bald an die Börse geht und Anleger nicht nur von seiner Seriosität überzeugen will, sondern auch davon, dass es auf lange Sicht gute Ideen hat und ein gutes Geschäft macht?

Auf den ersten Blick wirke das Silicon Valley wie eine perfekte Meritokratie, eine Welt also, wo derjenige am weitesten kommt, der am meisten leistet, so hatte Vivek Wadhwa kürzlich in einem Beitrag für das Wall Street Journal geschrieben. "Die Hälfte der Start-ups werden von Einwanderern gegründet. Leute aus aller Welt arbeiten zusammen, messen sich aneinander. Rasse oder Religion sind keine Hürde für den Erfolg." Bei genauerem Blick aber zeige sich ein anderes Bild. Zum Beispiel Twitter: Im Aufsichtsrat? Nur weiße Männer. Im Vorstand? Bis auf eine Anwältin, die erst vor einigen Wochen in die oberste Führungsriege rückte, alles weiße Männer. Die Investoren? Alles weiße Männer.

Wadhwa, Amerikaner mit indischen Wurzeln, war einst selbst Entwickler und Entrepreneur, heute lehrt er an verschiedenen Hochschulen. Er kennt sich aus im Silicon Valley. Und seine Kritik war nicht nur eine Kritik an Twitter. Es ging ihm um ein grundlegendes Problem im Tal der Tüftler: Vielfalt? Fehlanzeige.

Costolos Reaktion sei typisch

Offenbar traf Wadhwa einen wunden Punkt: Twitter-Chef Dick Costolo persönlich meldete sich zu Wort. Auf 140 Zeichen. Wadhwa, so schrieb er auf Twitter, sei wohl so etwas wie der "Carrot Top unter den Akademikern". Eine Anspielung auf einen amerikanischen Stand-up-Komiker. Die Botschaft: Nur nicht ernst nehmen! Man habe bei der Besetzung des Vorstands sogar Frauen den Vorzug geben wollen, hieß es bei Twitter, aber man habe eben keine gefunden. Wirklich nicht gefunden oder nur nicht gut genug gesucht?

Wadhwa jedenfalls kauft Twitter das nicht ab. Costolos Reaktion sei typisch für das Silicon Valley, wo einflussreiche Typen stolz ihre sagenhaften Talente rühmen, ein Muster zu erkennen. "Sie glauben, dass sie einen erfolgreichen Unternehmer, Entwickler oder Manager auf den ersten Blick erkennen. Traurigerweise ist dieses Muster dann immer ein Mark Zuckerberg, Marc Andreessen, Jeff Bezos - einer der ihren eben: Weiße männliche Nerds."

Einige im Silicon Valley haben Costolo und seine Personaler inzwischen in Schutz genommen - ohne allerdings der von Wadhwa vorgetragenen Kritik ihre Berechtigung abzusprechen. Der Sexismus liege nicht darin, dass sich Twitter eine Führung aus außergewöhnlich qualifizierten Männern geschmiedet habe, betonte etwa die junge Internetunternehmerin Elissa Shevinsky. Der Sexismus, das seien all die vielen Gründe, die verhindern, dass Frauen in ihrer Karriere voran kommen. Shevinsky hat ihre eigene Antwort darauf gefunden: "Ich gründe weiter Unternehmen. Als CEO bekomme ich immer einen Platz am Tisch."

Und all die anderen?

Kann es sich das Silicon Valley tatsächlich leisten, auf deren Ideen und Impulse zu verzichten?