Facebook-Targeting vor US-Wahl Was hinter der Angst vor Big Data steckt

Der Gedanke, Donald Trumps Wahlsieg könne mithilfe eines "magischen" Algorithmus' zustande gekommen sein, macht vielen Menschen Angst.

(Foto: Chip Somodevilla/AFP)

Manipulation war schon immer Kern von Werbung und Propaganda. Nun schockiert ein Artikel über Trumps Big-Data-Wahlkampf seine Leser. Doch Kauf- wie Wahlentscheidungen treffen immer noch mündige Bürger.

Von Johan Schloemann

Eines der Nachbeben der Wahl in den USA fuhr vielen in dieser Woche in die Knochen: Es ist der Verdacht, Donald Trump sei mithilfe von Datenanalyse-Firmen an die Macht gekommen, die übers Internet psychologische Profile von Millionen Menschen erfassen. Besonders die unentschlossenen Wähler sollen aufgrund ihres gesammelten Verhaltens im Netz, ihrer Präferenzen und Neigungen mit individuell abgestimmten Inhalten bombardiert worden sein. Die Methoden kommen aus der digitalen Werbewirtschaft, man spricht von Mikro- und Psycho-Targeting (siehe Artikel).

Als Handlanger dieser Operation präsentierten das Schweizer Magazin und gleichzeitig der Londoner Observer ein skrupelloses, sinistres Genie, eine Figur, wie sie der Schauspieler Benedict Cumberbatch in einem Hollywood-Thriller nicht besser darstellen könnte. Der 41-jährige Brite Alexander Nix, vorher informierten Wahlbeobachtern, jetzt aber der Weltöffentlichkeit bekannt, ist Chef einer spezialisierten Big-Data-Agentur namens Cambridge Analytica, die ihre Dienste bereitwillig auch rechtspopulistischen Parteien anbietet.

Alle Wahlkampagnen setzen raffinierte Mittel ein

Die Versuche personalisierter Wahlbeeinflussung gehen zurück auf Forschungen wie die des aus Polen stammenden Computerpsychologen Michal Kosinski, der in Stanford Assistenzprofessor ist. Kosinski hat viel beachtete Studien darüber publiziert, wie unsere digitalen Fußabdrücke, auf Facebook und anderswo, automatisch über persönliche Vorlieben und Eigenschaften Aufschluss geben können.

Der Schock war groß in den vergangenen Tagen. Und wie immer in der digitalisierten Öffentlichkeit waren auch ganz schnell die Entwarner und Wegwischer zur Stelle: Man habe jetzt natürlich nicht den einen, entscheidenden Grund für Trumps Erfolg gefunden, es seien ja noch die gesamte politische und soziale Konstellation, Hillary Clinton, nicht zuletzt das gute alte Fernsehen und viele andere Faktoren in Rechnung zu stellen.

Alle Wahlkampagnen, so wurde eingewendet, versuchten diverse raffinierte Mittel einzusetzen, aber deren Verwendung sage noch nicht viel über ihre Wirksamkeit. Und tatsächlich ist es ein wenig kurios, aus Sorge um die Demokratie die Atomisierung politischer Programme durch personalisierte Internetbotschaften ausgerechnet in einem Fall zu beklagen, in dem der Kandidat auch sonst eigentlich gar kein Programm hatte.

Nein, Big Data erklärt Donald Trumps Wahlsieg nicht

Ein Magazin-Artikel über die Rolle einer britischen Daten-Firma im US-Wahlkampf sorgt für Aufsehen. Allerdings ist amerikanische Politik viel komplexer - wichtige Aspekte fehlen. Von Matthias Kolb, Washington mehr ...

Aber die besorgte Reaktion auf die Big-Data-Manipulation ist, so scheint es, nicht bloß mit politischen Bedenken im engeren Sinne zu erklären, also mit der Fassungslosigkeit wegen des Zustands Amerikas und der wahrheitsfeindlichen Techniken der Populisten. Dahinter dürfte noch mehr stehen, nämlich ein selten zur Sprache gebrachtes schlechtes Gewissen. Es nährt sich aus dem wachsenden Gefühl, jeden Tag mit jeder einzelnen digitalen Dienstbarkeit ein Stück Souveränität und Selbständigkeit abzugeben.

Adolf Hitler bezog sich auf die "Psychologie der Massen" des Soziologen Le Bon

Die Verbindung von allem, was unser digitales und digital dokumentiertes Alltagsleben ausmacht - "wo du lebst, was du isst, worüber du lachst, worüber du weinst", wie der Observer schreibt -, mit der sonst entrückten Sphäre der Politiker und dem geradezu archaisch realen Gang ins Wahllokal: Es ist diese perfide erscheinende Verknüpfung der Sphären mit den Mitteln maschineller Intelligenz, diese neue Bedeutung von "Das Private ist politisch", die nervös macht, mehr noch als jede Kaufempfehlung und jedes alerte Vibrieren der Geräte, aber davon begleitet und verstärkt. Es ist, als hätten sich noch die letzten progressiven sozialtechnologischen Hoffnungen ins Dystopische gewendet. "Wir sind mitten in einer Maschine", wehklagt der Observer-Bericht, "und haben schlicht keine Möglichkeit, ihre Schalter zu sehen."

Immer schon gehörte es zum demokratischen Wettstreit, die Wähler der Gegenseite nicht als von falschen Meinungen überzeugt, sondern als Opfer demagogischer Techniken darzustellen, von der Rhetorik bis zur Bestechung. Das eigene Lager behauptet hingegen, kommunikativ arglos zu sein, und will dies als Aufrichtigkeit im Dienst des Gemeinwohls verstanden wissen. Aber mit dem Aufkommen von professioneller Produktwerbung und politischer Massenpsychologie im 19. und 20. Jahrhundert hat das Misstrauen andere Dimensionen angenommen. Die Diskussion über das politische Psycho-Targeting erinnert etwa an literarische Überwachungsszenarien, aber auch an den Schock, den der amerikanische Wissenschaftsautor Vance Packard 1957 mit seinem Buch "Die geheimen Verführer" ("The Hidden Persuaders") über die Tricks der Werbeindustrie auslöste - es ging dort, so der Untertitel der deutschen Ausgabe, um den "Griff nach dem Unbewussten in jedermann".

Aber schon vor dem Zweiten Weltkrieg fragte man sich, wie zum Beispiel die Propaganda der totalitären Regime bei den Menschen verfangen konnte. Soziale Sorgen waren keine hinreichende Erklärung. Erkenntnisse aus Werbung und Psychologie gingen einher mit medialen Innovationen. Adolf Hitler selbst bezog sich in "Mein Kampf" auf die "Psychologie der Massen" des französischen Soziologen Gustave Le Bon (1895, auf Deutsch 1908 erschienen), nicht zuletzt, was das Einhämmern von Botschaften anging. 1933 schrieb Wilhelm Reich über die "Massenpsychologie des Faschismus" (1946 revidiert).