Empörung bei Holocaust-Überlebenden Handy-Spiel nutzt Konzentrationslager als Kulisse

Ingress-Spieler trugen ihre virtuellen Kämpfe auch in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen aus.

(Foto: AP)
  • Holocaust-Überlebende haben Google scharf kritisiert.
  • Das Handy-Spiel "Ingress" der Google-Tochter Niantic Labs ließ Nutzer virtuelle Kämpfe an KZ-Gedenkstätten austragen.
  • Mittlerweile hat sich Google entschuldigt und Konsequenzen angekündigt.
Von Simon Hurtz und Mirjam Hauck

Ein Handy-Spiel, das seine Nutzer virtuell in Holocaust-Gedenkstätten und an den Orten ehemaliger Konzentrationslager gegeneinander kämpfen lässt? "Ingress", das weltweit bislang elf Millionen Mal heruntergeladen wurde, hat das jahrelang zugelassen, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. Dann berichtete das Zeit-Magazin am Donnerstag, dass historisch bedeutende Orte wie Erinnerungsstätten und Gedenkzeichen als Spielorte verwendet werden.

Bei Vertretern von Holocaust-Überlebenden löste das Empörung aus. Der Präsident des Verbandes der Überlebenden des KZ Dachau und ihrer Nachkommen, Jean-Michel Thomas, forderte ein "Verbot dieser Schändung". Er sei entsetzt über diesen Missbrauch des Ortes. Auch Gabriele Hammermann, die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, reagierte fassungslos: Das Spiel betreibe eine "Tilgung und Überformung der an diesen Orten repräsentierten Geschichte" und stelle damit "eine unerträgliche Verharmlosung" dar. Die Gedenkstätte sei für die Überlebenden und ihre Angehörigen ein Ort der Trauer.

Ingress macht die ganze Welt zum virtuellen Spielfeld

Die Dachauer KZ-Gedenkstätte ist nicht der einzige umstrittene Spielort in "Ingress": Auch am Ehrenfriedhof Leitenberg und am Gedenkort "Ehemaliger SS-Schießplatz Hebertshausen", wo die SS mehr als 4000 sowjetische Kriegsgefangene hinrichtete, markierten die Nutzer reale Plätze als Austragungsorte für die virtuellen Kämpfe des Spiels.

"Ingress", das heißt Eingang, ist eine Kombination aus virtueller Schnitzeljagd und dem Brettspiel Risiko. Die Oberfläche des Online-Kartendienstes Google Maps verbindet sich mit der realen Welt; es gilt, gegnerische Gebiete zu erobern. Eine Technik namens Augmented Reality schafft diese Verbindung. Die ganze Welt soll so zum Spielfeld werden.

Vor Spielbeginn müssen sich die Nutzer entscheiden, ob sie zur Gruppe der Erleuchteten oder der Gruppe des Widerstandes gehören wollen. Das Ziel des Spieles, die Eroberung der Weltherrschaft, beginnt, indem die Spieler markante Punkte wie Denkmäler, Museen oder andere auffällige Orte ("Portale") scannen und diese miteinander verbinden ("verlinken"), gegnerische Portale erobern ("hacken") oder verteidigen.

Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald wurden zur Spielkulisse

Dazu gibt es eine Rahmenhandlung, bei der es neuartige Energieformen zu entdecken gilt. Erfolgreicher werden die Spieler, wenn sie sich mit anderen verabreden. Gemeinsam verteidigen oder erobern sie nun die Felder. Mittlerweile spielen Menschen in 200 Ländern "Ingress", die Nutzer haben Millionen Portale fotografiert, sie benannt und hochgeladen - darunter eben auch Orte in ehemaligen Konzentrationslagern wie Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald und Mittelbau-Dora.

John Hanke, Gründer der Google-Tochter Niantic Labs und "Ingress"-Erfinder, hat sich am Donnerstag öffentlich entschuldigt. "Nachdem wir darüber in Kenntnis gesetzt wurden, dass einige historische Marker auf Geländen von ehemaligen deutschen Konzentrationslagern hinzugefügt wurden, haben wir erkannt, dass dies unseren Richtlinien widerspricht", sagte Hanke. "Wir haben daher damit begonnen, derlei Plätze für Deutschland und andernorts in Europa herauszunehmen."

Inzwischen wurden größere deutsche Gedenkstätten aus dem Spiel entfernt. Wie Die Zeit berichtet, können weniger bekannte ehemalige Konzentrationslager wie Osthofen oder Oranienburg immer noch in "Ingress" benutzt werden. Auch das Vernichtungslager Auschwitz stehe weiter auf dem Spielplan.