Alibaba vor dem Börsengang Chinas Klone bedrohen das Silicon Valley

Ein Wetterchen wie in San Francisco: Skyline in Hongkong, wo Alibaba nicht an die Börse geht - stattdessen tut die chinesische Ebay-Version das in New York

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Das Krokodil aus dem Jangtse greift an: Der chinesische Internetkonzern Alibaba geht an die Börse. Chinas Start-ups wollen die Welt erobern und den US-Konzernen gefährlich werden.

Von Marcel Grzanna, Shanghai, und Varinia Bernau

Seinen Job als Englischlehrer hatte Jack Ma gerade an den Nagel gehängt. Nun wollte der Chinese sein Glück im Internet versuchen. Dabei hatte er, wie er später einmal erzählte, bis dahin noch nie eine Tastatur berührt. Ausgerechnet sein Start-up Alibaba wollte also die Hightech-Konzerne aus dem Silicon Valley herausfordern? "Ebay ist der Hai im Ozean. Wir sind das Krokodil im Jangtse", sagte Ma. "Wenn wir im Ozean kämpfen, verlieren wir. Aber wenn wir im Fluss kämpfen, gewinnen wir."

Die Frage, wie gefährlich das Krokodil aus dem Jangtse wirklich ist, stellt sich dringender denn je: Alibaba bereitet seinen Börsengang in New York vor. Der Konzern ist mehr als Ebay. Alibaba ist auch Amazon, ein wenig Facebook - und dabei, sich ein Geschäft zu erschließen, das im Silicon Valley noch niemand besetzt hat. Das macht Alibaba sehr wertvoll. Selbst in vorsichtigen Schätzungen liegt der Börsenwert bereits über 140 Milliarden Dollar. Und damit über dem von Ebay, fast auf der Höhe von Amazon und Facebook.

Jack Ma plant mit Alibaba den Börsengang.

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Natürlich ist solch eine Schätzung eine Wette auf die Zukunft. Und für Internetunternehmen ist diese Zukunft in China rosiger als in den USA: Derzeit nutzen erst knapp 600 Millionen Chinesen das Internet, nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung. Nicht nur die Zahl derer, die Zugang zum Netz haben, steigt. Auch das Vermögen, das sie dort ausgeben können, steigt. Zum Beispiel bei Alibaba.

Auf der gleichnamigen Plattform bringt der Konzern Händler und Hersteller zusammen. Zudem hat er mit Taobao einen Marktplatz geschaffen, auf dem auch Privatleute ihre Einkäufe erledigen können. Anders als Ebay kassiert Alibaba dabei keine Provisionen, sondern schaltet Werbung. Und anders als Ebay es lange tat, verlangt Alibaba auch keine Vorkasse. Über den Bezahldienst Alipay wird das Geld auf einem Konto geparkt, bis die Ware geliefert ist. Das ist wichtig in einem Land wie China, wo die Menschen sparsam sind und Fremden misstrauen. So hat das Krokodil den Jangtse verteidigt. Vorerst. Doch die Wachstumsaussichten in China locken auch andere. Und weil der Hai nichts unversucht lässt, um in den Fluss vorzudringen, wagt sich das Krokodil nun doch in den Ozean. Fragt sich nur: Wer wird am Ende der Stärkere sein?

Baidu verdient bisher nur in China Geld.

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Benjamin Jakob, der als Gastdozent an der German Graduate School of Management and Law in Heilbronn lehrt, beobachtet Alibaba schon eine ganze Weile. Er ist sich sicher, dass der Konzern das an der Börse eingesammelte Geld in die Expansion gen Westen stecken wird. "Alibaba hat von Anfang an auf Internationalisierung gesetzt. Während es zunächst darum ging, den chinesischen Anbietern Zugang zu ausländischen Märkten zu schaffen, bietet Alibaba seine Dienste seit einigen Jahren auch Händlern in Indien, Japan, den USA und sogar in Europa an." So dient etwa die Plattform Tmall ausländischen Herstellern als Trittbrett in Richtung chinesischer Markt. Wer seine Produkte in der Volksrepublik verkaufen will, ohne eine Repräsentanz zu eröffnen, findet bei Tmall dafür die nötige Infrastruktur samt Zahlungssystem.

Amerikanische Händler nutzten die Plattform bereits eifrig, um günstige Waren in China zu ordern, sagt Jakob. Und es gibt auch eine Internetseite, auf der amerikanische Privatleute auf Einkaufstour in Fernost gehen können. So etwas kann sich Jakob durchaus auch für Deutschland vorstellen. "Die Sachen kommen doch ohnehin meistens aus China. Warum soll sich der Verbraucher die dann nicht auch direkt dort besorgen? Und zwar billiger, weil er den Zwischenhändler umgeht."

Tencent: Chinas Welt der Spiele fürs Smartphone

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"Ein Buch werden die Leute wohl auch weiterhin bei Amazon bestellen. Aber technische Produkte, auf die man sich eine Woche lang freuen will", dann womöglich nicht mehr. Ob Alibaba Amazon wirklich gefährlich werden wird, hängt nach Ansicht von Jakob davon ab, ob der Konzern die dafür notwendige Logistik stemmen kann. Das ist alles andere als trivial, gerade um die breite Masse zu bedienen. "Für einen Bürostuhl und drei Spielekonsolen, den ein deutscher Kunde in China bestellt, lohnt es sich schließlich nicht, einen Container in den Hamburger Hafen zu schicken."