Nationaler Bildungsbericht Auch Hauptschüler brauchen zwölf Schuljahre

Nicht nur die Kinder, die später studieren werden, sollten eine breite Bildung in der Schule vermittelt bekommen.

(Foto: dpa)

Nicht nur Gymnasiasten verdienen es, Zeit zum Lernen und Reifen zu haben. Unsere Gesellschaft sollte es sich leisten, alle Jugendlichen länger in die Schule zu schicken.

Kommentar von Larissa Holzki

Die Sache ist verflixt: Immer mehr Ausbildungsbetriebe stellen lieber Lehrlinge ein, die Abitur haben als solche, die von der Haupt- oder Realschule kommen. Diese Schüler haben dann das Nachsehen, obwohl ihre Schulbildung eigentlich formal für eine Ausbildung ausreichen würde. Abiturienten werden bevorzugt - aber nicht, weil sie gelernt haben, mit Exponentialfunktionen zu rechnen. Sie sind vor allem älter und reifer als die Absolventen mit mittlerem Schulabschluss. Ausbilder gehen weniger Risiko ein, denn ältere Azubis wissen im Zweifelsfall schon besser, welchen Berufsweg sie einschlagen wollen. Wer also die Chancen von Haupt- und Realschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt verbessern will, sollte sie länger in die Schule schicken.

Der große Vorteil einer kürzeren Schulzeit an einer allgemeinbildenden Schule scheint es zu sein, früher in den Beruf einsteigen und Geld verdienen zu können. Für den Staat heißt das natürlich auch mehr Steuereinnahmen. Als Fliesenleger oder Kassiererin brauche man nicht zwölf Jahre Chemie, Englisch und Philosophie zu lernen, so die allgemeine Auffassung. Doch dass die Gesellschaft davon profitiere, dass ein großer Anteil von Arbeitnehmern schon mit 16 Jahren in den Arbeitsmarkt eintritt, ist eine Illusion.

Der aktuelle nationale Bildungsbericht zeigt, dass Menschen, die länger in die Schule gegangen sind, also einen höheren Bildungsabschluss erworben haben, zufriedener sind und gesünder leben. Die Jahre, in denen Haupt- und Realschüler früher als Abiturienten ihre Sozialabgaben zahlen, sind teuer erkauft. Sie werden später mit höheren Gesundheitsausgaben für diese Menschen zurückgezahlt. Noch gravierender sind die Auswirkungen auf die soziale Teilhabe: Menschen mit einem mittleren Schulabschluss gehen seltener wählen als solche mit Hochschulreife. Es leidet also auch die Demokratie.

Wer im Alter von 16 Jahren eine Lebensentscheidung trifft, weil er sonst in Jobcenter-Maßnahmen gesteckt wird, wählt seinen Beruf und seine Zukunft unter enormem Druck und nicht wirklich frei. Würden Haupt- und Realschüler zwölf statt neun oder zehn Jahre zur Schule gehen, könnten sie besser auf das Leben vorbereitet werden und sich orientieren. Die Schüler könnten zum Beispiel für mehrere Wochen Praktika in Betrieben machen, mit denen Schulen Partnerschaften eingehen. Ob jemand eine gute Stelle bekommt, darf nicht von persönlichen Kontakten abhängig sein; fehlende Beziehungen sind die größte Ungerechtigkeit unter Berufseinsteigern.

Die zwei oder drei zusätzlichen Schuljahre könnten zudem für breitere Bildung genutzt werden und dafür, individuelle Stärken zu fördern. Diese Zeit sollte zur Persönlichkeitsbildung genutzt werden. Auch Unterricht im Tanzen, Theaterspielen und Debattieren würde den Jugendlichen helfen, einen guten Ausbildungsplatz zu finden. Sie würden ihre Körpersprache verbessern, lernen, wie sie auf andere wirken, und üben, sich geschickter auszudrücken. Erst wenn sie zu Persönlichkeiten gereift sind, sollten sie vor die Wahl gestellt werden, welchen Beruf sie ergreifen wollen.

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