Homosexualität in der Schule Zur Vielfalt ermutigen

Mehr Toleranzvermittlung in der Schule, fordert Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Auf deutschen Pausenhöfen ist die Diskriminierung von homo-, trans- und intersexuellen Menschen traurige Realität. Viele betroffene Jugendliche leben in Angst und Isolation. Daran haben auch die Bildungseinrichtungen Schuld - denn es ist ihre ureigene Aufgabe, Schülerinnen und Schülern Akzeptanz zu vermitteln.

Ein Gastbeitrag von Christine Lüders

Thomas Hitzlsperger ist kein Baden-Württemberger. Und doch haben sein spätes Coming-out und der Streit um den Bildungsplan in Baden-Württemberg vieles gemein. Denn auf deutschen Schulhöfen wie auf Fußballplätzen ist die fortwährende Diskriminierung von homo-, trans- und intersexuellen Menschen traurige Realität.

Ob "Schwule Sau" oder "Schwuler Pass" - hinter diesen scheinbar lustig-gedankenlosen Sprüchen verbergen sich massive Vorurteile, die wir nicht hinnehmen können. Gut, dass die baden-württembergische Landesregierung deshalb in ihrem Bildungsplan vorurteilsfreie Informationen über alle sexuellen Orientierungen verankern will. Verharmlosend und gefährlich ist dagegen die Petition "Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens", die sich gegen dieses Vorhaben wendet.

"'Schwuchtel' geht flott über die Lippen"

"Schwul" gilt auf Schulhöfen als eines der häufigsten Schimpfworte. Im SZ-Gepräch erklärt Psychologe Ulrich Klocke, was Schüler damit beabsichtigen - und warum Lehrer homophobe Stimmungen mitunter begünstigen. Von Johann Osel mehr ...

Denn Fakt ist: Angst, Isolation und Diskriminierung sind bei homo-, trans- und intersexuellen Menschen weit verbreitet. Zwei Drittel von ihnen haben in der Schule ihre sexuelle Ausrichtung verborgen oder verheimlicht. Mindestens 60 Prozent von ihnen wurden in der Schule mit abwertenden Kommentaren bedacht oder begegneten dort negativem Verhalten, wie eine Umfrage der EU-Grundrechteagentur unter mehr als 90.000 Befragten in ganz Europa ergab. Diese Ergebnisse decken sich voll und ganz mit den Erfahrungen aus der Beratung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Schule als Ort des Überdenkens

Als ehemalige Lehrerin einer sogenannten Brennpunktschule habe ich erlebt, dass die Schule der Ort ist, an dem Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit bekommen müssen, Stereotype, Vorurteile und Ressentiments zu überdenken. Dies gerade in einer Lebensphase, in der sie Identitäten suchen und entdecken, Rollen erproben. Einer Phase, in der sie vielfachen Klischees, Erwartungen und Rollenzwängen ausgesetzt sind. Es ist ureigene Aufgabe von Fürsorge- und Bildungseinrichtungen, Schülerinnen und Schülern Akzeptanz zu vermitteln.

Und nicht nur das: Fürsorgeeinrichtungen müssen sicherstellen, dass die ihnen anvertrauten Jugendlichen sich frei von Angst und Diskriminierung entfalten können. Schulen müssen ein sicherer und inklusiver Ort für alle Jugendlichen werden, ob mit oder ohne Behinderungen, mit oder ohne Migrationshintergrund, egal welcher Religion oder welcher geschlechtlichen oder sexuellen Identität.

Gerade für transidente, lesbische und schwule Jugendliche ist das leider oft nicht der Fall. Es ist entscheidend, homo-, trans- und intersexuellen Menschen im Schulalltag ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, da genau dort negative Erfahrungen, Vorurteile und Ausgrenzung beginnen. Der derzeit in Abstimmung befindliche Bildungsplan für Baden-Württemberg geht genau in diese Richtung, indem er die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe und sexueller Orientierungen zum Thema macht.

Schülerinnen und Schüler sollen, wie es im Entwurf des Bildungsplans heißt, die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von und mit Homo-, Trans-, Inter- und Bisexuellen "kennen und reflektieren" lernen. Sie sollen verstehen, was es etwa für intersexuelle Menschen bedeutet, nicht in das bekannte Raster Frau/Mann zu passen. Sie sollen lernen, Toleranz gegenüber anderen als etwas ganz Selbstverständliches wahrzunehmen. Und sie sollen sehen, dass sie nicht allein sind, wenn sie selbst schwul, lesbisch, inter-, bi- oder transsexuell sind.