Süddeutsche Zeitung

Homosexualität in der Schule:Zur Vielfalt ermutigen

Auf deutschen Pausenhöfen ist die Diskriminierung von homo-, trans- und intersexuellen Menschen traurige Realität. Viele betroffene Jugendliche leben in Angst und Isolation. Daran haben auch die Bildungseinrichtungen Schuld - denn es ist ihre ureigene Aufgabe, Schülerinnen und Schülern Akzeptanz zu vermitteln.

Ein Gastbeitrag von Christine Lüders

Thomas Hitzlsperger ist kein Baden-Württemberger. Und doch haben sein spätes Coming-out und der Streit um den Bildungsplan in Baden-Württemberg vieles gemein. Denn auf deutschen Schulhöfen wie auf Fußballplätzen ist die fortwährende Diskriminierung von homo-, trans- und intersexuellen Menschen traurige Realität.

Ob "Schwule Sau" oder "Schwuler Pass" - hinter diesen scheinbar lustig-gedankenlosen Sprüchen verbergen sich massive Vorurteile, die wir nicht hinnehmen können. Gut, dass die baden-württembergische Landesregierung deshalb in ihrem Bildungsplan vorurteilsfreie Informationen über alle sexuellen Orientierungen verankern will. Verharmlosend und gefährlich ist dagegen die Petition "Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens", die sich gegen dieses Vorhaben wendet.

Denn Fakt ist: Angst, Isolation und Diskriminierung sind bei homo-, trans- und intersexuellen Menschen weit verbreitet. Zwei Drittel von ihnen haben in der Schule ihre sexuelle Ausrichtung verborgen oder verheimlicht. Mindestens 60 Prozent von ihnen wurden in der Schule mit abwertenden Kommentaren bedacht oder begegneten dort negativem Verhalten, wie eine Umfrage der EU-Grundrechteagentur unter mehr als 90.000 Befragten in ganz Europa ergab. Diese Ergebnisse decken sich voll und ganz mit den Erfahrungen aus der Beratung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Schule als Ort des Überdenkens

Als ehemalige Lehrerin einer sogenannten Brennpunktschule habe ich erlebt, dass die Schule der Ort ist, an dem Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit bekommen müssen, Stereotype, Vorurteile und Ressentiments zu überdenken. Dies gerade in einer Lebensphase, in der sie Identitäten suchen und entdecken, Rollen erproben. Einer Phase, in der sie vielfachen Klischees, Erwartungen und Rollenzwängen ausgesetzt sind. Es ist ureigene Aufgabe von Fürsorge- und Bildungseinrichtungen, Schülerinnen und Schülern Akzeptanz zu vermitteln.

Und nicht nur das: Fürsorgeeinrichtungen müssen sicherstellen, dass die ihnen anvertrauten Jugendlichen sich frei von Angst und Diskriminierung entfalten können. Schulen müssen ein sicherer und inklusiver Ort für alle Jugendlichen werden, ob mit oder ohne Behinderungen, mit oder ohne Migrationshintergrund, egal welcher Religion oder welcher geschlechtlichen oder sexuellen Identität.

Gerade für transidente, lesbische und schwule Jugendliche ist das leider oft nicht der Fall. Es ist entscheidend, homo-, trans- und intersexuellen Menschen im Schulalltag ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, da genau dort negative Erfahrungen, Vorurteile und Ausgrenzung beginnen. Der derzeit in Abstimmung befindliche Bildungsplan für Baden-Württemberg geht genau in diese Richtung, indem er die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe und sexueller Orientierungen zum Thema macht.

Schülerinnen und Schüler sollen, wie es im Entwurf des Bildungsplans heißt, die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von und mit Homo-, Trans-, Inter- und Bisexuellen "kennen und reflektieren" lernen. Sie sollen verstehen, was es etwa für intersexuelle Menschen bedeutet, nicht in das bekannte Raster Frau/Mann zu passen. Sie sollen lernen, Toleranz gegenüber anderen als etwas ganz Selbstverständliches wahrzunehmen. Und sie sollen sehen, dass sie nicht allein sind, wenn sie selbst schwul, lesbisch, inter-, bi- oder transsexuell sind.

Infame Behauptungen

Diese Akzeptanz folgt einem Verständnis von Vielfalt, das in unserer Gesellschaft selbstverständlich sein sollte, das auch Menschen mit Behinderungen, Migrantinnen und Migranten oder Menschen verschiedener Religionen einschließen sollte - und dessen Schutzgedanke auch gesetzlich im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz verankert ist.

Dahinter eine "pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung" zu vermuten, wie es die Initiatoren der Petition in Baden-Württemberg tun, und auf die angeblich "negativen Begleiterscheinungen" eines beispielsweise homosexuellen "Lebensstils", "wie die höhere Suizidgefährdung ... und die deutlich geringere Lebenserfahrung" zu verweisen, das ist gegenüber den Betroffenen nicht nur ignorant, sondern infam.

Sexuelle Orientierung frei leben zu können, ist keine Frage des "Lebensstils", sondern ein Menschenrecht. Schülerinnen und Schüler aller Geschlechter und aller sexueller Orientierungen brauchen statt Belehrungen mehr Ermutigung - und Ansprechpartner vor Ort. Wegweisende Signale in diese Richtung gibt es aus einem weiteren Bundesland.

Diskriminierung führt zu Leistungsabfall

Seit 2011 arbeitet in Niedersachsen eine Anlaufstelle des Landes, die Schülern Beratung gegen Diskriminierungen und sexuelle Gewalt anbietet. Seit ihrem Bestehen hat sie mehr als 700 Anfragen bearbeitet und nimmt sich in vorbildlicher Weise Benachteiligungserfahrungen von Schülerinnen und Schülern an. Dabei arbeitet sie eng mit Schulämtern zusammen und kann im Ernstfall auch auf Sanktionen gegen betroffene Schulen hinarbeiten - dann etwa, wenn sich Diskriminierungen von einem bestimmten Lehrer wiederholen.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes setzt sich in ihrem aktuellen Bericht an den Bundestag für Beratungsstellen wie diese in allen Bundesländern ein. Denn die Erfahrung mit Opfern von Benachteiligungen zeigt: Wenn Jugendliche erleben müssen, dass ihre sexuelle Orientierung nicht geduldet wird, erleben wir immer wieder massive psychische Probleme, massiven Leistungsabfall und damit verbundene Schwierigkeiten im weiteren Berufsleben. Wichtig ist deshalb ein möglichst engmaschiges Netz von Anlaufstellen.

Diskriminierungen muss umgehend Einhalt geboten werden - dort, wo sie entstehen. Wer das verharmlost, der öffnet Diskriminierung Tür und Tor, sei es durch Unwissenheit, sei es durch Vorurteile. Deutschland kann es sich langfristig nicht leisten, ganze Gruppen von Schülerinnen und Schülern am Bildungserfolg nicht chancengerecht teilhaben zu lassen. Gerade im Hinblick auf die demografische Entwicklung braucht Deutschland jeden qualifizierten Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Religion, sexueller Orientierung, Geschlecht und Behinderung.

Thomas Hitzlsperger ist kein Baden-Württemberger. Ich bin mir aber ganz sicher: Hätte er sich schon in der Schule vor Diskriminierungen sicher gefühlt und wäre er in einem Klima der Vielfalt und der Ächtung jeglicher Benachteiligungen aufgewachsen, dann hätte er auch als Aktiver weniger Angst vor einem Outing im Fußball gehabt.

Christine Lüders, 60, ist Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Zuvor arbeitete die studierte Pädagogin unter anderem als Referatsleiterin in Ministerien in Nordrhein-Westfalen und Hessen.

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Quelle:
SZ vom 11.01.2014/jobr
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