Mathematikunterricht Wurzeln ziehen, nicht Karotten

Manchen Studenten fehlen sogar mathematische Grundlagen aus der Mittelstufe, bemängeln die Autoren. Hier führt ein Lehrer der Parzivalschule in München seine Schüler in die Winkelberechnung ein.

(Foto: Robert Haas)

Nicht für jede Rechnung gibt es ein Beispiel aus dem Supermarkt. Drei Mathe-Experten fordern mehr trockenen Grundlagenunterricht.

Gastbeitrag von Markus Spindler, Dieter Remus und Hans Peter Klein

Der Mathematikunterricht soll heute weniger Wissen, dafür mehr Kompetenzen zur Lösung realer Probleme vermitteln. Wohin führt das in der Schule? Ein Beispiel: Ein Referendar ließ einen Grundkurs die Öffnungszeit eines Supermarktes ausrechnen - die richtete sich nach einer ganzrationalen Funktion dritten Grades. Eine Nullstelle war dann der Startwert.

Frage an den Ausbildungslehrer: Ob er, wenn seine Frau zu Hause ruft, "Schatz, wann macht noch mal der Supermarkt auf?", auch antworte "Moment, ich rechne eben schnell eine Nullstelle einer Funktion dritten Grades aus!"? Darauf der Ausbildungslehrer: "Das muss der Referendar so machen. Wenn er nicht kompetenzorientiert unterrichtet, fällt er durch." Die Schüler amüsieren sich köstlich über solche Realsatiren, rechnen aber brav alles aus. Im Abitur will man ja glänzen.

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Viele Schulpraktiker begrüßten anfangs die Idee, im Unterricht nicht nur innermathematisches Wissen abzufragen, sondern die Anwendung hervorzuheben. Schließlich gab es schon in den 80ern Klagen: Schüler könnten zwar in der Analysis vollständige Funktionsuntersuchungen durchführen, von Logarithmus- und Exponentialfunktionen etwa, oder von ganz- und gebrochen-rationalen Funktionen. Aber ihr Wissen im Physik-Leistungskurs auf ein gekoppeltes Pendel oder die Maxwell-Gleichungen anwenden, das könnten sie keinesfalls. Da war etwas dran.

Was ist aus der Idee, die Kompetenzen zu stärken, geworden? Kurz gesagt: Vor 30 Jahren hatten viele Abiturienten noch relativ hohe mathematische Fähigkeiten, die sie leider oft nicht praktisch anwenden konnten. Heute haben viele Abiturienten geringe mathematische Fähigkeiten, die sie erst recht nicht anwenden können. Denn die pseudopraktischen Beispiele, die sie zu lösen gelernt haben, gibt es in der realen Welt so nicht.

Lehrer lernen mehr Didaktik als Potenzrechnung

Und selbst den jungen Lehrerkollegen fehlt es an Know-how, da die Universitäten die Fachinhalte zugunsten von Pädagogik und Fachdidaktik reduziert haben. Aber was nützt die beste Methode, wenn man die Inhalte nicht kennt, die man damit unterrichten soll? Der Unterricht ist also keinesfalls besser geworden.

Die Kritik wird immer lauter. Zahlreiche Lehrer und Mathematiker an Hochschulen beklagen eine zunehmende Studierunfähigkeit unter Abiturienten. Sie betrifft die Mathematik selbst und die Fachbereiche, in denen mathematische Grundlagen vorausgesetzt werden. Dieses Wissen müssen die Hochschulen den Abiturienten immer öfter in Brückenkursen vermitteln.