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Gastkommentar:Mehr Gauß, weniger Goethe

Abakus

Illustration: Bernd Schifferdecker

Die mathematische Bildung in Deutschland ist völlig unzureichend für die vernetzte Welt von heute. Höchste Zeit für neue Formen des Unterrichts.

Die Mathematikschelte war kräftig und medienwirksam, denn sie kam von Mathematikern selbst und richtete sich gegen die Art, wie ihr Fach unterrichtet wird. Eine Gruppe von 130 Experten veröffentlichte am 17. März einen Brandbrief zur Krise des Mathematikunterrichts an Gymnasien. Der offene Brief beklagt, dass ein beachtlicher Teil der Studienanfänger an den Universitäten nicht mehr über die nötigen Grundkenntnisse verfüge, um ein WiMINT-Fach zu studieren, also Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik. Die Lücken der Studienanfänger in Mathematik seien so groß, dass sie kaum mehr aufholbar seien, da es sich teils auch um Mittelstufenstoff handele.

Als Grund für die alarmierende Mathematik-Schwäche vieler Erstsemester sehen die Unterzeichner die Ausrichtung des mathematischen Unterrichts an den heutigen Bildungsstandards, die einen stärkeren Alltagsbezug des Unterrichts vorsehen. Die Autoren fordern, dass man an "Deutschlands Schulen wieder zu einer an fachlichen Inhalten orientierten Mathematikausbildung zurückkehren solle" und dass "symbolische, formale und technische Elemente der Mathematik und abstrakte Inhalte wieder stärker gewichtet werden."

Schule Auf der Suche nach dem perfekten Matheunterricht
Schule

Auf der Suche nach dem perfekten Matheunterricht

Nach einer frustrierenden Probeklausur bangen viele Hamburger Schüler dem zentralen Matheabitur entgegen. Wie können Lehrkräfte das Fach besser vermitteln?   Von Thomas Hahn

Was ist von diesen Forderungen zu halten? Nicht viel. Es handelt sich um seltsam rückwärtsgewandte, altmodische Vorschläge, die den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts nicht gerecht werden. Die Einführung der kritisierten Bildungsstandards war eine Reaktion auf die Pisa-Studie von 2000, in der die mathematische Kompetenz 15-jähriger Schüler international verglichen wurde. Das äußerst schlechte Abschneiden der deutschen Schüler löste den "Pisa-Schock" aus.

Studienanfänger müssen in Mathe nachsitzen

Für die Oberstufen-Mathematik setzen die Bildungsstandards den Schwerpunkt auf Kompetenzorientierung und weniger auf mathematisches Grundlagenwissen. Gut so. Kompetenzorientierung bedeutet, dass realitätsnahe Fragen mit mathematischen Methoden untersucht werden. Das soll verhindern, dass zu viele Schüler und deren Eltern bezüglich weiter Teile der abstrakten Mathematik die Sinnfrage stellen: "Wofür brauche ich das später im Leben?"

Die Maßnahmen können als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden, zeigt doch die letztjährige Pisa-Studie, dass sich Deutschland im internationalen Vergleich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten ordentlich verbessert hat.

Dennoch trifft es zu, dass seit einiger Zeit viele Studienanfänger mit schlechten Mathematik-Fähigkeiten und entsprechenden Schwierigkeiten an die Universitäten streben. Die Ursachen sind klar zu benennen: Im vergangenen Jahrzehnt hat die Zahl der Studienanfänger in Deutschland stark zugenommen. Derzeit nimmt etwa die Hälfte eines Altersjahrgangs ein Studium auf. Das bedeutet aber nicht, dass diese Studienanfänger alle auch ein klassisches Abitur besitzen. Bei nur etwa der Hälfte dieser Erstsemester ist das noch der Fall. Die angesprochene Mathematik-Malaise ist also nicht dem gymnasialen Unterricht anzulasten.