Rosenheim Visionär mit strammen Wadeln

Als ehemaliger Radrennfahrer kann es Johann Struck bei seinen Kurierdiensten mit jedem Auto aufnehmen - und Staus sind ihm egal.

(Foto: Annegret Reimann)

Johann Struck ist Rosenheims erster und einziger Fahrradkurier. Doch er will mehr als Bücher ausliefern und Laborproben transportieren.

Von Birte Mensing, Rosenheim

Der zentrale Platz in der Innenstadt, alte Häuser, davor Kinder, Tiere, Bäume, ein kleiner Touristen-Zug: eine Bilderbuch-Idylle. Johann Struck und ein Kunde beugen sich schmunzelnd über das Wimmelbuch aus dem Chiemgau. Draußen, in der Realität, parken auf dem Rosenheimer Ludwigsplatz gerade 20 Autos, der Verkehr brummt vorbei. "Was für ein visionäres Kinderbuch", sagt der Buchhändler Johann Struck. "Wir müssen das vorantreiben", sagt der Kunde, der einen Fahrradladen in der Parallelstraße führt.

Wenn Struck in seinem kleinen Laden steht, dann ist er der Bücher-Johann. So nennt er das Geschäft, aber auch gerne sich selbst. Welche Bücher im Laden stehen, entscheiden die beiden Buchhändlerinnen, die bei ihm angestellt sind. Aber Struck hat auch eine eigene Ecke: Dort finden sich die "Trainingsbibel für Radsportler", die schönsten Mountainbike-Touren, Tipps zur Stadtplanung. Wenn der 32 Jahre alte Unternehmer auf sein grünes Lastenfahrrad steigt, um bestellte Bücher, aber auch Post und Laborproben auszuliefern, wird er zum Fahrradkurier Postl-Johann. Dann verfolgt er seine eigentliche Mission: den innerstädtischen Transport vom Auto aufs Fahrrad verlagern.

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Es ist ein durchschnittlicher Vormittag. Zehn Bücher-Lieferungen, verpackt in braune Umschläge, steckt der Kurier in seinen Rucksack. Er trägt ein grün-weißes Trikot mit der Aufschrift "Postl-Johann", Helm und Sonnenbrille auf, und los geht's. Er radelt aufrecht, der schlanke Körper scheint trotz seiner Größe kaum Luftwiderstand zu erzeugen. Erster Stopp, keiner da. Struck legt das Paket vor die Tür. Der Zweite freut sich über die Lieferung. "Soll ich den Karton zum Recyceln wieder mitnehmen?", fragt Struck. "Gern", sagt der Kunde und nimmt die Bücher in Empfang. Weiter gehts, einmal rund um Rosenheim.

Im Bücher- und Postl-Johann hat Struck sich selbst gefunden. Bis vor sechs Jahren betrieb der gelernte Einzelhandelskaufmann eine Firma im Ruhrgebiet, Reinigung mit Trockeneis, hatte "genug Geld, kaum Risiko, aber auch kaum Spaß". Also verkaufte er die Firma und reiste ein Jahr durch Europa. In Schweden lernte er einen Fahrradkurier kennen und war angefixt. "Fahrradfahren kann ich einfach sehr gut", sagt Struck. Zehn Jahre lang ist er Radrennen gefahren, er sitzt sicherer im Sattel als die Alltagsradler. Und so bekam die Stadt 2013 ihren ersten Fahrradkurier, den Postl-Johann. Er ist bis heute der einzige.

Struck merkte schnell, dass er damit in Rosenheim nicht reich werden würde. Nachdem er bei 250 Unternehmen in und um Rosenheim seine Dienste angeboten hatte, zählte er nur drei Kunden. Zu wenig, ganz klar. Er versuchte es mit Kaffeelieferungen und Mittagessen frei Haus. Erfolglos. Erst der Onlineshop, den er von einem Büchergroßhandel anmietete, kam an. Sein Service für die Kunden: Am nächsten Morgen liefert er die Bücher mit dem Rad.

Alle hätten etwas davon, aufs Fahrrad umzusteigen

Der Fahrradweg führt in einer engen Kurve auf ein Feld, Struck muss das Tempo drosseln. Links blickt er zwischen einem Bauernhof und einer Kirche auf die Hochries. Rechts am Hang trohnt die Villa eines Schuhfabrikanten. Terrakottafarben schmiegt sie sich an den Millionärshügel, wie der Hang im Volksmund genannt wird.

In der Region mussten in den vergangenen Jahren mehrere Buchläden schließen. Struck eröffnete fürs Weihnachtsgeschäft 2016 und hat seitdem von Montag bis Samstag geöffnet. Er setzt auf die Mischung: Immer noch macht er 30 Prozent des Umsatzes mit dem Onlineshop, die meisten kleinen Buchläden liegen bei maximal fünf Prozent, selbst große Ketten liegen nur bei 20 Prozent. Schnell konnte Struck zwei Mitarbeiterinnen einstellen. Schließlich will er nicht nur Bücher verkaufen, sondern den Transport revolutionieren. Dafür brauche es mehr Vorbilder. "Die Bürgermeisterin fährt oft im Auto an mir vorbei, der Schuhfabrikant fährt sogar seine paar hundert Meter zur Fabrik mit dem Auto", beobachtet Johann Struck.

Dabei hätten seiner Ansicht nach alle was vom Umstieg aufs Rad: weniger Lärm, weniger Abgase, weniger Unfälle. "Ich versteh' nicht, warum hier so wenige Lust haben, einen Fahrradkurier zu beauftragen", sagt Struck. Er radelt an den meisten Tagen rund 50 Kilometer, auch bei Regen und Schnee. Er könnte noch mehr. Verglichen mit einem sparsamen Dieselauto erspart er der Umwelt jetzt schon neun Kilogramm Kohlenstoffdioxid am Tag, sagt er.

Pläne für sicheren Fahrradverkehr

Am liebsten würde der Rad-Enthusiast für ein halbes Jahr die städtische Verkehrspolitik übernehmen. Erst würde er die Radwege sicherer machen. Dann würde er Lieferzentren am Stadtrand bauen, in die Lkw ihre Waren bringen, von dort übernähmen dann Lastenräder. "Aber das erlebt wohl erst mein Sohn", sagt er.

Gegen Ende der Tour holt er jetzt Laborproben bei einem Hausarzt ab. Die Arzthelferinnen begrüßen ihn herzlich, er darf sich was aus den Süßigkeitenglas nehmen, bevor er die Proben ins Labor bringt. Dort sagt die Laborantin nur: "Du weißt ja, wo's hingeht". Vor dem Labor steht ein Auto, an der Windschutzscheibe ein Zettel: eilige Laborproben. Struck ärgert sich: "Das wär eigentlich mein Job."

Während seine Visionen wohl noch brauchen, bis sie in Rosenheim ankommen, ist der Ruhrpott-Exilant Struck schon Teil der Stadt geworden. Kunden grüßen ihn vom Gehweg, den Cappuccino nach der täglichen Tour lässt er anschreiben, sobald er zu Fuß unterwegs ist, ruft einer im Vorbeigehen: "Wo is' dein Radl?". Am Nachmittag radelt er die nächste Tour, immer in der Hoffnung, dass der Ludwigsplatz irgendwann wirklich so aussieht wie im Bilderbuch. Keine Autos, viel Platz, fröhliche Menschen.

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