Naturschutz Verklärt und gejagt

Es gibt wohl kein zweites Wildtier des Hochgebirges, das so verklärt wurde und wird wie der Steinbock. Allein schon wegen der mächtigen, bis zu einem Meter langen Hörner der Männchen. Sie waren und sind für manche immer noch der Inbegriff des Virilen. Herrscher, Jäger, Wilderer - alle schrieben ihnen nur zu gerne potenzfördernde Wirkung zu. Pulverisiertes Steinbock-Horn wurde deshalb in Gold aufgewogen.

Aber auch das Blut, die Haare und sogar die Exkremente der Tiere wurden zu Medizin verarbeitet. Mit ihren mächtigen Hörnern fechten die Böcke jedes Jahr aufs Neue in oft stundenlangen Kämpfen die Rangordnung unter sich aus. Aber auch für ihre Kletterkünste wurden die Steinböcke verherrlicht. Die Tiere - die Böcke genauso wie die Ziegen und die Kitze, die schon wenige Stunden nach der Geburt laufen können - thronen überall dort im Fels, wo ihnen sonst kein Tier folgen kann.

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Verklärung und Jagd gingen freilich immer gut zusammen. Wie viele andere Wildtiere wurden Steinböcke gnadenlos abgeschossen, wo immer Jäger und Wilderer sie antrafen. Dabei wurde den Tieren ihr wenig ausgeprägter Fluchtreflex zum Verhängnis. Zwar machen sie sich bei Gefahr rasch und behände in den unzugänglichen Fels davon. Sowie sie ihn aber erreicht haben, bleiben sie stehen und beäugen neugierig ihre Verfolger, als wüssten sie genau, dass diese ihnen nicht hinterher kommen. Für die Jäger mit ihren Gewehren sind sie damit gleichsam auf dem Präsentierteller - die Jagd auf Steinböcke gilt deshalb als vergleichsweise einfach.

Mitte des 19. Jahrhunderts war es so weit: Die Steinböcke waren alpenweit praktisch ausgerottet. "Nur noch in einigen wenigen Gegenden streiften welche umher, zum Beispiel am Gran Paradiso im Piemont", sagt der LBV-Mann Werth. "Der Gesamtbestand in den Alpen belief sich auf vielleicht 50 Tiere." Es ist dem Savoyenkönig Vittorio Emanuele II. zu verdanken, dass der Steinbock überlebt hat. Er stellte die Tiere 1856 unter seinen Schutz.

Das war der Wendepunkt. Fortan erholten sich die Bestände - auch dank vieler Auswilderungen vor allem in den Schweizer Alpen. Heute leben in den Alpen wieder um die 40 000 Steinböcke. Experten wie Werth sind überzeugt, dass sich die Art im Zuge der Klimaerwärmung weiter ausbreiten wird. In vielen Alpenregionen darf man bereits wieder Steinböcke jagen. In Bayern sind sie aber streng geschützt.