Museum in Nürnberg Im Turm der Täuschung

Der Sinnesturm kommt nahezu ohne öffentliches Geld aus.

(Foto: Olaf Przybilla)

Der Mensch lässt sich so schnell nichts vormachen - meint er. Bis er im wohl kleinsten Science Center der Welt seiner Wahrheit beraubt wird.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Markus Söder regt so was auf. Nürnberg soll eine Zweigstelle des Deutschen Museums bekommen, aber auch Monate, nachdem der Minister das so verkündet hat, wollen sie in seiner Heimatstadt nicht in Ekstase verfallen. Sondern nerven ihn vor allem mit Fragen wie: mit welchem Konzept eigentlich, wie groß und wohin überhaupt? Dabei, sagt Söder, soll diese Dependance eine richtig, wörtlich jetzt, "geile Geschichte" werden. Wo und womit auch immer. Was man über all dem mitunter vergisst: Ein Haus, in dem man Wissenschaft erleben kann, gibt es in Nürnberg längst, den Turm der Sinne. Das, wenn man so will, kleinste Science Center der Welt.

Es gibt im Deutschen die hübsche Wendung, dass jemand seinen Augen nicht getraut habe. In diesem Haus, in einem Turm der ihrer Länge wegen welterbeverdächtigen Stadtmauer von Nürnberg, kann man lernen, dass das womöglich eine empfehlenswerte Sache sein kann: seinen Augen nicht zu trauen. Man verlässt dieses Haus mit weichen Knien, was nur zum geringeren Teil an den schmalen Treppen liegt, die so ein mittelalterlicher Turm nun mal mit sich bringt. Es liegt eher an der Seinsgewissheit, die hoch über den Dächern Nürnbergs verloren zu gehen droht. An der Erkenntnis, dass einem die Augen - und unglücklicherweise auch alle anderen Sinnesorgane - ihre sehr eigene Sicht der Wirklichkeit unterschieben. Richtern, die ihre Urteile auf Augenzeugenberichte stützen müssen, darf man einen Besuch in Nürnberg besonders ans Herz legen. Man wird angenehm unsicher in diesem Turm.

Das ist Heiner, der Homunkulus. Heiner hat eine ziemlich dicke Lippe, was darauf hindeutet, dass der Mensch ein kompliziertes Sinneswesen ist.

(Foto: Olaf Przybilla )

Da ist etwa die Sache mit den Klötzchen. Das Haus konfrontiert Besucher gleich zweimal mit dieser simplen Sinnestäuschung, ein letztes Mal oben im sechsten Stock. Beim zweiten Mal sendet der menschliche Sinnesapparat genauso absurde Signale von Erkenntnissicherheit wie beim ersten Versuch. Man lernt also, dass man nicht mal was gelernt hat aus der ersten Täuschung. Danach soll man wieder zurück zur Erdoberfläche, kein leichter Gang in dem Zustand. Gerade weil das Experiment komplett banal wirkt: Zwei aufeinander liegende Klötzchen soll man in die Hand nehmen, aufs Gesamtgewicht achten und danach nur noch eines der beiden Klötzchen anheben. Die Sinne melden: eindeutig, das kleinere Klötzchen ist schwerer als beide zusammen. Pardon?

Was da genau los ist im Kopf, glaubt einigermaßen verstanden zu haben, wer die Gebrauchsanweisung liest: Das Gewicht steckt fast ausschließlich im kleineren Quader. Den Rest besorgt dann das Hirn, in dem es ein paar vermeintliche Erfahrungen - gleiches Aussehen bedeutet gleiches Material - beimixt und mit Erkenntnis verwechselt. Und fertig ist das Vor-Urteil.

Das Verstörende daran: Man sollte meinen, dass das sogleich als eine Art Schutzimpfung wirkt. Klappt aber nicht, wenig später passiert das Gleiche noch mal. Selbst wenn man gelernt hat, dass man Vorurteilen unterliegt, sind Impfungen dagegen offenbar eine komplizierte Sache.

Als letzte Station vor dem Abstieg sollen Besucher einen Ball durch einen Ring werfen, so was kann man natürlich. Nach ein paar Veränderungen auf den Augen wirft man den Ball dann aber - von diesen Veränderungen wieder befreit - in einer Weise in Richtung Ring, als hätte man zuvor einen Intensivparcours auf der Erlanger Bergkirchweih absolviert. Auch das trägt dann bei zur reichlich schwankenden Grundverfassung beim Abstieg nach unten.

Jana Marks zeigt im Turm der Sinne das Kleid, das die Netzgemeinde in Wallung brachte: weiß-golden oder blau-schwarz?

(Foto: Olaf Przybilla )

Jeder Mensch hat seinen eigenen, individuellen Heiner

Rainer Rosenzweig freut sich über das Schwanken. "Ziel erreicht", sagt er. Der promovierte Wahrnehmungspsychologe hat den Sinnesturm auf den Weg gebracht, ein Haus, das nahezu ohne öffentliches Geld auskommt. Gesellschafter ist der Humanistische Verband Deutschlands, finanziert wird der Turm seit 2003 mit Erlösen aus Symposien und Eintrittsgeldern.

Wenn Rosenzweig, der hauptberuflich an der Uni Erlangen arbeitet, wieder mal im Fernsehen auftreten darf, was er oft tut als Experte für Sinnestäuschungen, dann wird es eng im Haus. Immerhin hat das kaum mehr Fläche als ein durchschnittliches Einfamilienhaus. Besonders eng wurde es neulich nach #dressgate, als der Netzgemeinde die drängende Frage auf der Seele brannte, ob sie gerade ein weiß-goldenes oder blau-schwarzes Kleid vor Augen hat. Von RTL bekam Rosenzweig das Kleid hernach geschenkt, seine Frau wollt's nicht, also ab in den Turm damit. "Hat nur übersichtlichen Erkenntnisgewinn", sagt Rosenzweig, aber was soll's? Die Leute wollen es sehen.

Mehr über den Mensch als Sinneswesen erzählt da schon Heiner, der Homunkulus, das Maskottchen des Hauses. Heiner steht für Hirn-Erregungen des idealisierten Normalbürgers bei Empfindungsreizen. Ein sensibler Typ, der demonstrieren soll, wie Berührungsempfindungen des menschlichen Körpers im Gehirn angelegt sind. Daher auch der in Nürnberg verbreitete Spitzname Hirn-Heiner. Dickfinger und Mick-Jagger-Lippen zeigen, wo der Mensch am sinnlichsten ist. Wobei der Homunkulus nicht universell ist. Jeder Mensch hat seinen eigenen, individuellen Heiner, erklärt Museumspädagogin Jana Marks.

Fürchtet Rosenzweig, der Gründungsvater des Hauses, die Konkurrenz von Söder? "Überhaupt nicht", sagt er, "wir sind viel zu klein, um Konkurrenz fürs Deutsche Museum sein zu können." Und kleinstes Science Center der Welt werde man sicher bleiben, egal wie Söders Dependance ausfällt.

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