Metten Kloster Metten schließt Internat - nach Jahrhunderten

Pater Thomas Winter lebt seit 50 Jahren in Metten. Der Mathe- und Physiklehrer liest Kirchenväter lieber in neueren Ausgaben. Aber einer Sammlung von Augustinus' Schriften von 1529 kann er sich nicht entziehen.

(Foto: Johannes Simon)
  • Seit 1250 Jahren gibt es das Benediktinerkloster im niederbayerischen Metten, fast genauso lange gibt es die Klosterschule.
  • Nach diesem Schuljahr schließen die Benediktiner das Internat.
  • Der Grund dafür ist vor allem die gute Abdeckung Bayerns mit Gymnasien. Mehr als 400 davon gibt es hier, darum sind Internate heute weitgehend überflüssig.
Von Anna Günther, Metten

Pater Thomas Winter schaut auf die Uhr, nickt zufrieden und klatscht einmal in die Hände. Um ihn herum stellen sich Schüler auf, blicken auf die weiße Wand und senken die Köpfe. 12.50 Uhr in der Benediktinerabtei Metten. Ein kurzes Gebet, dann gibt's Mittagessen. Die älteren Schüler bleiben unter sich, nebenan essen die Jüngeren der Ganztagsschule. Nach 25 Minuten und zahllosen Pfannkuchen mit Nougatcreme klatscht Winter wieder. Die Buben springen auf, drehen sich zur Wand und senken die Köpfe. "Dort hing früher einmal das Kreuz", sagt Winter und schmunzelt. Das Kruzifix hängt mittlerweile bei den Kleinen. Im Herbst werden sie das Gewölbe für sich haben.

"Zwölfuhrfünfzig wird mir sehr fehlen", sagt Manuel Grohmann. Struktur ist ihm wichtig. Im Internat ist klar geregelt, wann die Schüler lernen oder Freizeit haben. Nach dem Abitur will er zur Bundeswehr gehen und nach dem freiwilligen Wehrdienst die Offizierslaufbahn einschlagen. Wozu mache er denn Abi, sagt der 18-Jährige. Grohmann ist einer der vier letzten Internatsschüler, die ins St.-Michaels-Gymnasium gehen und auch in der Schule schlafen. Wenn diese jungen Männer im Sommer die Schule verlassen, sperren die Benediktiner das Internat zu. Nach Jahrhunderten.

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Seit 1250 Jahren steht die Abtei nahe Deggendorf zwischen Donau und den Ausläufern des Bayerischen Waldes. Beinahe so lange bilden die Patres Buben aus. Die Schüler schliefen im Kloster, weil die Heimreise meist zu weit war und körperliche Arbeit vom Studium abgehalten hätte. Offiziell beauftragte Ludwig I. von Bayern die Patres 1830 mit der Ausbildung "fähiger Knaben", nachdem er die Benediktinerabtei nach der Säkularisation wieder eröffnet hatte.

Heute ist Metten neben den Domspatzen in Regensburg das einzige kirchliche Internat in Ostbayern. Auch die Armen Schulschwestern schließen ihr Mädchenwohnheim in Metten. Es gibt zu wenig Anmeldungen, und im benachbarten Deggendorf betreibt der Freistaat ein eigenes Internat am Comenius-Gymnasium. Internate boomen, die Kirche aber hat ein Problem. Diese Internate werden oft mit Gewalt- und Missbrauchsfällen verknüpft. Auch in Metten gab es vor Jahren Probleme, aber nicht so schwerwiegend wie in Regensburg oder Ettal. Haben sich diese Fälle auf die Anmeldungen ausgewirkt? "Nein, gar nicht", sagt Hagl bestimmt, "aber es ist klar, dass so etwas nicht passieren darf."

Schuld am Anmelderückgang sei der Zeitgeist. Weil es in Bayern 429 Gymnasien gibt, müssen Landkinder für höhere Schulbildung nicht mehr ins Internat. Außerdem werden weniger Kinder geboren. Die Kleinen wegzuschicken, falle Eltern schwer, sagt Hagl. Dabei könnten Einzelkinder vom Leben mit Gleichaltrigen profitieren. Seit den späten Siebzigerjahren kamen immer weniger Internatsschüler ins St.-Michaels-Gymnasium. 1960 lernten dort 350 Interne, ein neues wurde Gebäude gebaut. 1980 lebten 209 der 438 Schüler im Internat, 1995 waren es 99 von 466. Das neu erbaute Haus steht seit vier Jahren leer, Efeu bewuchert die Fassade und kriecht durch die Fenster ins Innere. Die vier Internatsschüler wohnen wieder im Schultrakt der Abtei.

Erzählt der Abt von seiner Internatszeit, gerät er ins Schwärmen, spricht von neuen Welten, Sport, Wochenenden in der Natur und lebenslangen Freundschaften. Das Heimweh sei rasch vergangen. Jahrzehnte ist das her, damals schliefen Buben noch zu Dutzenden in Schlafsälen. Manuel Grohmann und Benedikt Probst haben Einzelzimmer, dekoriert mit Jamaika-Flagge und Postern. Durchs offene Fenster tönt Klavierspiel über den Klosterhof. Auch sie schwärmen. Probst kam als Zehnjähriger ins Internat, Grohmann in der sechsten Klasse - weil sie es wollten.

Wenn Manuel Grohmann sein Abitur hat, endet in Metten eine Ära.

(Foto: Johannes Simon)

"Hier kann ich bis viertel vor acht schlafen, würde ich in Zwiesel ins Gymnasium gehen, müsste ich um sechs aufstehen", sagt Probst. Seine Familie wohnt im nahen Landkreis Regen. Und wo ist Heimat? "Montag bis Freitag im Internat", sagt Probst. "Und sonst bei den Eltern", ergänzt Manuel Grohmann. Bis zur zehnten Klasse fuhren sie am Wochenende heim. "Hier sind immer Freunde zum Fußballspielen oder Kajak fahren - und daheim warten sechs Schwestern", sagt der 18-jährige Probst und lacht.

Für Pater Thomas Winter ist Metten Lebensinhalt und Mittelpunkt. Sein Vater und die Brüder lernten dort. Der Internatsdirektor kam als Zehnjähriger und ist geblieben. Der Studiersaal, in dem er als Bub mit hundert anderen lernte, ist fast unverändert. Zwischen currygelben Vorhängen, Einbauschränken und alten Wandkarten macht an diesem Nachmittag eine Fünftklässlerin Hausaufgaben. Tagesinternat sagen sie in Metten zur offenen Ganztagsschule. Das Wort bleibt. Immerhin.

Das Kloster ist auch ein Betrieb und muss Kosten decken

Hätte er sich vorstellen können, derjenige zu sein, der das Internat zusperrt? "Nein", sagt Winter, er stockt, "sicher nicht." Zwar habe das Konventkapitel die Schließung 2011 einstimmig beschlossen, aber der Mathe- und Physiklehrer hadert, auch wenn er das so nie sagen würde. "Es kommen immer noch Anfragen, Internatserziehung ist eine wichtige Aufgabe." Als Präfekt ist Winter rund um die Uhr für die Schüler da, das verbindet. Kürzlich feierte er mit den Buben sogar in seinen Sechzigsten. Benedikt Probst wurde 18 und beschloss, dass der Pater mitfeiern muss.

Der Abt muss das bei aller Schwärmerei nüchtern sehen. Benediktinerklöster sind eigenständig, Metten ist wie ein Betrieb und wenn Schüler fehlen, tragen 450 Euro pro Monat die Kosten des Internats nicht. Aber auf das St.-Michaels-Gymnasium wirke sich die Schließung des Internats nicht aus, betont Hagl. Vier Gymnasien buhlen im Raum Deggendorf um Schüler.

Dass ihre Zeit in Metten und mit ihnen das Internat zu Ende geht, wird den Buben nach der ersten Abiturprüfung bewusst. Darüber nachdenken wollen sie nicht. Vorher kommen ja weitere Prüfungen und die Fahrt zum Plattensee. Bis zum 2. Juni wird die Statue des Hl. Josef in einem Meer aus Kerzen stehen. Während der Prüfungen brennen 57 Kerzen für 57 Abiturienten. Der Schutzpatron der Kinder und Erzieher soll Glück bringen. Die jungen Männer haben zwar Pläne, aber loszulassen fällt schwer. Probst möchte in München studieren. "Aber wir sind nicht weg, die anderen Alt-Mettener sind ständig hier. Wir können uns besuchen", sagt Probst. "Und ich werde im Juli noch hierbleiben", sagt Manuel Grohmann. Das sei lustiger als in der Wohnung der Eltern. Und strukturierter.

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