König Ludwig II. Der "Kini" wollte weg aus Bayern

Auf dem Dach der Münchner Residenz baute sich Ludwig II. einen monumentalen Wintergarten. Große Wandbilder schufen die Illusion ferner Länder.

(Foto: Privat)

Ludwig II. wollte auf "ein stilles, erhabenes Eiland" auswandern. Sein Kundschafter suchte auf der ganzen Welt nach einem passenden Ort - und hielt schließlich Afghanistan für besonders geeignet.

Von Hans Kratzer

Es ist ja nicht so, dass König Ludwig II. trotz seiner global ausgerichteten Fantasie viel von der Welt gesehen hätte. Ausgerechnet er, der sich beim Bau seiner Schlösser von der hohen Kunst Asiens und des Orients inspirieren ließ, war ein extrem sesshafter Mensch. Dreimal ist er nach Frankreich gereist, die Schweiz hat er gesehen und den Rhein, dazu Franken und die Wartburg in Eisenach, sonst hielt er sich meistens in seiner Residenz in München und in der Einsamkeit der Alpen auf. Getrost kann man resümieren: Ludwig II. hat die Welt nicht durchmessen, aber er las unentwegt Reiseberichte, und seine Sehnsucht nach der Ferne war unstillbar.

Diese Neigung verstärkte sich erst recht nach dem entscheidenden Bruch in seinem Leben in den Jahren 1870/71. Wider Willen verloren Bayern und Ludwig II. nach der Reichsgründung ihre Souveränität. Das traf den König ins Mark, er war nicht länger sein eigener Herr, sondern unterstand fortan den Preußen. Ein Hofsekretär sagte später, die Beeinträchtigung der bayerischen Selbständigkeit habe dem König alle Lust zur Regierung geraubt. Er habe mit dem Gedanken gespielt, abzudanken und auszuwandern.

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Die Forschung hat das Thema Auswanderung bislang wenig beachtet, obwohl im Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher (GHA) dazu eine Menge Akten vorliegen. Der Münchner Autor Klaus Reichold hat bei der Auswertung eines Teils dieser Papiere überraschende Funde gemacht. Ludwig II. hat demnach zweifelsfrei mit dem Gedanken an eine Auswanderung gespielt.

Im Oktober 1871 erteilte er dem Geheimrat Franz von Löher den Auftrag, für ihn fern der Welt "ein stilles, erhabenes Eiland" als Wohnort zu suchen. 1873 und 1874 bereiste Löher deshalb die Kanaren und die griechischen Inseln, 1875 führten ihn seine Erkundungen nach Zypern und Kreta. Auch auf der Halbinsel Krim hat er diesbezüglich Erkundigungen eingezogen.

Wie sich Ludwig die Sache konkret vorgestellt hat, ist nach Auskunft von Gerhard Immler, dem Direktor des Geheimen Hausarchivs, weitgehend unklar. Wollte er eine Insel kaufen? Wenn ja, von welchem Geld? Wollte er etwa Bayern verkaufen? Reichold führt dazu an, dass in Spanien nach der Revolution von 1868 Chaos herrschte.

Die Möglichkeit, als fremder Regent die Herrschaft zumindest über ein Teilgebiet Spaniens (die Kanaren) anzutreten und die Ordnung wiederherzustellen, war nicht ausgeschlossen. Eine bayerische Kommission riet sogar dazu, das Projekt "Königreich der Kanaren" in Angriff zu nehmen. Im GHA liegt sogar ein Entwurf für eine Verfassung. Nachdem sich die Lage in Spanien beruhigt hatte, sah Ludwig II. ein, dass dort nichts mehr zu holen war. Er beauftragte Löher, nach anderen Territorien Ausschau zu halten.