G-7-Gipfel in Elmau Es darf gezeltet werden

Die Wiese, auf der das Protestcamp der G7-Gipfel-Gegner aufgebaut werden soll.

(Foto: dpa)

Was für ein Ärger um eine idyllische Wiese! Das Münchner Verwaltungsgericht hat das Camp-Verbot für G-7-Gegner gekippt. Die fühlen sich aber trotzdem schikaniert.

Von Wolfgang Wittl, Garmisch-Partenkirchen

Um kurz vor 14 Uhr brandet auf dem Parkplatz am Wittelsbacher Platz Jubel auf: Applaus erfüllt die Luft, manch einer johlt vor Freude. In wenigen Minuten, so wurde kurz zuvor kolportiert, wolle das Verwaltungsgericht München verkünden, ob das Bündnis Stop G 7 Elmau wie erhofft sein Camp auf einer Wiese in Garmisch-Partenkirchen aufbauen darf. Hat die Justiz etwa im Sinne der Protestierenden entschieden? So schnell geht es dann doch nicht.

Ein Unterstützer hat den G-7-Gegnern einen selbst gebackenen Kuchen spendiert, zwischen Töpfen und Krautköpfen findet der Gugelhupf seinen Platz auf dem veganen Brotzeitbuffet. Wenn das kein Grund zur Freude ist. Erfreuliche Anlässe waren auf dem Parkplatz zuletzt eher eine Seltenheit.

Bis am Abend endgültig feststand: Das Camp ist genehmigt. Seit Tagen streiten die Gipfelgegner mit den Behörden, ob sie ihr Demonstrationsrecht wie gewünscht wahrnehmen dürfen. Grundbesitzer wurden angehalten, keine Flächen für ein Camp zur Verfügung zu stellen. Als sich doch eine Wiese fand, schritt die Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen ein und verweigerte die Genehmigung. Begründung: Hochwassergefahr. Das Landratsamt wiederum stutzte den geplanten Sternmarsch zum Schlosshotel Elmau, in dem die sieben Staats- und Regierungschefs am Wochenende über die Probleme der Welt beraten, derart zusammen, dass aus Sicht der Veranstalter nicht mehr viel davon übrig bliebe. Beide Fälle landeten vor Gericht.

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Wer die Wiese in der Morgensonne sieht, vermag kaum zu glauben, dass um so ein friedliches Stück Land so viel Zank entstehen konnte. Der Besitzer, so heißt es, habe sie nur aus Trotz an die Gipfelgegner verpachtet, weil er sich mit staatlichen Stellen überworfen habe. Müsste man einen Werbefilm über das Werdenfelser Land drehen, hier wäre der ideale Ort. Im Hintergrund plätschert die Loisach vorbei, in der Nähe ertönen Kuhglocken, ansonsten nur Vogelgezwitscher. Vor der Zugspitze ragen zwei Kirchtürme in die Höhe, in den bunten Blumen der Nachbarwiesen tollen zwei Hunde herum. Es ist das pure Idyll.

Dort, wo das Camp errichtet werden darf, ist das Gras gemäht, die Traktorspuren sind noch gut sichtbar. Morgentau benetzt die Schuhe, doch Hochwasser, wie es die Marktgemeinde in ihrer Begründung anführte? Die letzte Überschwemmung datiere von 1999, berichtet ein Garmischer, der des Weges kommt. Und demnächst sei bestimmt keines zu erwarten. Die Loisach befindet sich knapp drei Meter unter Wiesen-Niveau, der Wetterbericht sagt für das Gipfel-Wochenende Temperaturen von 30 Grad vorher und keine Niederschläge.

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Seit 75 Jahren lebe er in Garmisch, sagt der Mann, aber so ein Zirkus sei ihm noch nicht untergekommen. Einer der vielen Schuppen auf den Wiesen wurde mit Farbe besudelt, "Heimatverräter" soll an die Wand geschmiert worden sein. Der Täter hatte offenbar gedacht, die Hütte gehöre dem Vermieter der Wiese. Ein Irrtum. Stattdessen ist sie Eigentum eines Fuhrunternehmers.

Ein Hinweiszettel soll verhindern, dass er erneut Opfer einer Verwechslung wird. Der 75-Jährige, der seinen Namen nicht nennen will, versteht die Welt nicht mehr. Das alles hätte man verhindern können, wäre man den G-7-Gegnern entgegengekommen. Warum man ihnen nicht den Parkplatz am Hausberg angeboten habe, dort hätten sie geordnet campen können. Aus seiner Sicht könnten "die jungen Leute machen, was sie wollen. Solange sie friedlich sind".

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Natürlich werde man sich friedlich verhalten, sagt York Runte, zumindest sofern es in seiner Macht stehe. Runte ist einer der Mitorganisatoren des Camps. Es ist früher Nachmittag, gerade hat er mit seinem Anwalt gesprochen. Das Argument mit dem Hochwasser sei vor Gericht nicht zu halten, lautet die Einschätzung. Das bedeutet: Die G-7-Gegner werden ihr Camp doch auf der Wiese aufbauen dürfen, die so groß ist wie ein Fußballplatz. 700 Menschen sollen dort Platz finden.

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Doch Runte ist vorsichtig. Selbst als die Marktgemeinde am späten Nachmittag eine Stellungnahme verschickt, in der Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer die Niederlage vor Gericht bedauert, verweigert er Glückwünsche. Erst will er die Nachricht von seinen Anwälten bestätigt haben, zu viele Gerüchte machten bereits die Runde. Am Abend machte das Gerichtsurteil den Weg zur Wiese frei. Eigentlich ist die kleine Straße lediglich für land- und forstwirtschaftlichen Verkehr freigegeben. Der Bauzaun, mit dem die Gipfelgegner ihr Camp umranden wollen, die Paletten, die mobilen Toiletten - all das hätten sie vom Parkplatz zu Fuß zur Wiese schleppen müssen, einen halben Kilometer weit. "Schikane", schimpfte Runte.

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Ein Helfer, der zwischendurch weitere Utensilien herangeschafft hatte, wurde von fünf Bereitschaftspolizisten aufgefordert, den Anhänger woanders zu parken oder ihn zu entladen - nur um ihn später wieder beladen zu müssen. "Das ist so was von widerlich", sagte Runte einem der Polizisten ins Gesicht. Doch die Gipfelgegner waren vorbereitet. Mit einem Bauern aus Farchant hatten sie vereinbart, dass er abends mit einem Pferdefuhrwerk die schweren Sachen transportiert - für ein kleines Entgelt. Am Abend aber wurde klar, dass sie die Pferde nicht benötigen.

Der Beschluss des Gerichts erlaubt das Camp für bis zu 1000 Teilnehmer - allerdings unter Auflagen. Die "Zuwegung zum Camp sei im Übrigen hinreichend zu gewährleisten", steht darin. Die Polizei gestattete den Gipfelgegnern nach harten Diskussionen, dass sie ihr Material nun doch mit Autos zur Wiese fahren dürfen. Bürgermeisterin Meierhofer behält sich weitere rechtliche Schritte vor.