G-7-Demo in München Wasserbecher statt Wasserwerfer

Bis zu 40.000 Menschen haben in München friedlich gegen den anstehenden G-7-Gipfel protestiert.

(Foto: dpa)
  • Es ist eine der größten Demonstrationen, die München in den vergangenen Jahren erlebt hat, und das bei brütender Hitze:
  • Bis zu 40 000 Menschen haben in der Landeshauptstadt gegen den anstehenden G-7-Gipfel protestiert - friedlich, fröhlich und fantasievoll.
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Von Martin Bernstein und Bernd Kastner

So geht Protest. Sie sind nicht freundlich zu den Mächtigen, wahrlich nicht. Aber sie sind friedlich, fröhlich und fantasievoll. Und vor allem sind sie viele, sehr viele. Als die letzten G-7-Gegner um Dreiviertel vier am Donnerstagnachmittag den Stachus verlassen, ist die Zugspitze schon am Isartor angekommen. 34 000 Teilnehmer, zählt die Polizei. 40 000 Demonstranten, sagen die Veranstalter. Egal. Es ist an diesem Fronleichnamstag eine der größten Demonstrationen, die München in den vergangenen Jahren erlebt hat, und das bei brütender Hitze. Die Menschen eint die Sorge um das, was die Großen und Mächtigen im Schatten der Zugspitze, in Elmau, ausbrüten könnten.

Im Schatten ist es am engsten. Auf den paar Metern am Stachusrondell, wo die Häuser ein wenig vor der Sonne schützen, gibt es schnell kein Durchkommen mehr. Wohl dem, der einen Strohhut dabei hat oder zumindest einen Regenschirm. In der prallen Sonne steht ein Hase im Hasenfell, er muss brutal schwitzen, aber egal. "Für einen guten Zweck", sei das doch, sagt der Hase aus Nürnberg, der seinen Namen nicht verraten will. Ihn und die Bienen daneben verbindet die Angst vor den großen Konzernen, die Gift auf die Felder sprühen und Genmais anpflanzen.

Bunt, wütend, friedlich

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Sabine, die Biene aus Stuttgart, hat auch Angst. Angst vor dem Genmais, der neben ihr steht. Peter, ihr Partner, geht heute als gefährlicher Maiskolben in grün und gelb, als Gut und Böse sind sie unterwegs an diesem Tag, vom Stachus zum Odeonsplatz. Ob Sabine dort ankommt? "Die Biene wird den Genmais leider nicht überleben", sagt Peter. Das klingt lustig, aber sie meinen es ganz anders. In der Fantasie der Kostüme und Transparente steckt sehr viel Angst um die Zukunft dieser Welt.

Der schwarze Block ist nicht zu sehen

Sorge um die Sicherheit in der Stadt muss sich derweil niemand machen. Der gefürchtete schwarze Block von Autonomen ist nicht zu sehen. So friedlich ist alles, dass man selbst die anderen Schwarzen suchen muss, die Polizisten in ihren dunklen Overalls, sonst Begleiterscheinung einer jeden irgendwie linken Demo in München. Und am Donnerstag? Vor dem Kaufhof stehen sie in Reih und Glied, als wollten sie das Warenhaus schützen. Bloß, vor wem? Die Polizisten, ein Trupp aus Hamburg, tragen Käppis, ihre Helme haben sie in der Hand.

Das ist der Gipfel

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Nur im Hauptbahnhof bekommt die Polizei unerwartet Arbeit. Um halb zwei Uhr klettern zwei Aktivisten des Netzwerks Junepa über die Empore bis unters Dach des Hauptbahnhofs und entrollen dort ein Plakat, das dazu auffordert, den Gipfel in Elmau zu blockieren. Alles bleibt friedlich, auch als die Bahn als Hausherrin entscheidet, die Aktion von der Polizei beenden zu lassen. Es dauert dann aber drei Stunden, bis ein Kletterteam der Bundespolizei die beiden jungen Männer und ihr Transparent am Ende mit einer Hebebühne heruntergeholt hat.

TTIP: der Inbegriff einer ungerechten Welt

Ein paar Meter weiter, am Stachus, halten sich die Demonstranten nicht zurück, nicht in der Menge, nicht auf der Bühne, aber immer nur verbal sind sie aggressiv. "Die gewaltbereiten Chaoten sitzen in Elmau, Washington, Berlin, München", steht auf dem Schild einer Frau, und auch das noch: "No to Nato." Vieles mischt sich im G-7-Protest, der aber von einem Thema dominiert wird: Vom Nein zum Freihandelsabkommen TTIP. Das ist für die Menge der Inbegriff einer ungerechten Welt, die in Elmau von Merkel, Obama und Co weiter zementiert werde.

Teuer, aber sinnvoll

Mindestens 150 Millionen Euro kostet es, wenn sich die mächtigsten Menschen der Welt für zwei Tage in Elmau treffen. Das klingt nach Geldverschwendung - ist es aber nicht. mehr ... Videokolumne

Auf der Bühne ist es vor allem Arnulf Rating, der Kabarettist, der mehr bietet als bloße Kampfrhetorik. Der den Amtseid der Berliner Politiker so zusammenfasst: "Ich schwöre, am deutschen Volk zu verdienen, so wahr mir Geld helfe." Der die Welt mit einem Monopolyspiel vergleicht, das schon fünf Stunden läuft: Alle Straßen sind verkauft, die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, das Spiel wird langweilig. Am Ende zitiert Rating noch einen ganz großen Deutschen: "Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen." Das war Schiller, und sein Satz lässt die Menge jubeln.

Uwe Hiksch von den Naturfreunden, einer der vielen Organisationen, die den ersten großen Protest gegen den Gipfel organisiert haben, fasst die Ziele der Bewegung zusammen: Gegen TTIP, für eine menschenfreundliche Flüchtlingspolitik, für die Klimarettung, gegen die Armut. Würden die Großen und Reichen mehr für die Menschen im globalen Süden und fürs Klima tun, müssten weniger fliehen. "Helft diesen Menschen!" ruft Hiksch.

Traktoren und Totenköpfe

Dann beginnt der Demonstrationszug, entspannt begleitet von 3000 Polizisten. Eine Stunde dauert es, ehe der Platz vorm Karlstor geleert ist. Es ziehen vorüber Alte und Junge und ganz Junge, Bürgerliche und Linke und ganz Linke, sie tanzen und trommeln. Irgendwann stolzieren Merkel, Obama, Hollande, Cameron und Co., in Anzügen und Masken. Es passieren Traktoren und Totenköpfe, eine Krake und eine riesige Gift-Sprühflasche von Monsanto, und als sie sprüht, fallen die Bienen in ihrer Umgebung zu Boden, tot.

Wie sich Polizei und G-7-Gegner vorbereiten

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Die Demonstranten schieben Fahrräder und Kinderwagen, man riecht Sonnencreme, und die Polizei bittet per Twitter: Trinkt, Leute, trinkt viel, damit ihr nicht umkippt bei diesem Sommerspaziergang. Schließlich ruft sie die Feuerwehr zu Hilfe. Am Thomas-Wimmer-Ring und später am Odeonsplatz werden Unterflurhydranten geöffnet, die Bereitschaftspolizei bringt Plastikbecher, Polizisten am Straßenrand stillen den Durst der Demonstranten. Die einzige Verzögerung im zügigen Demo-Ablauf an diesem Tag, Wasserbecher statt Wasserwerfer.

"Ich habe gemeint, ich bin bei Woodstock"

Brav dankt man sich am Ende des Wegs gegenseitig: Demonstranten der Stadt, der Polizei und der Feuerwehr; die Polizei den Demonstranten. Bis kurz vor Ende der Abschlusskundgebung am frühen Abend gibt es keine gewaltsamen Zwischenfälle. Für Polizeisprecher Wolfgang Wenger und Vizepräsident Robert Kopp ein Beweis, dass ein Veranstalter mit einer klaren Absage an Gewalt den Verlauf mitbestimmen kann.

Wengers Fazit: "Es ist ein schöner, bunter Zug. Es ist alles friedlich. Das ist schön zu sehen." Kopp sagt: "Das würde ich mir auch für Samstag wünschen." Er ist stellvertretender Einsatzleiter in Garmisch. Ein Beamter kommentiert die Atmosphäre an diesem Nachmittag so: "Ich habe gemeint, ich bin in Woodstock."