Flüchtlinge Ausländische Medien sehen Garmisch am Rande eines Bürgerkriegs

Im General-Abrams-Komplex, einer ehemaligen US-Kaserne, sind Hunderte Flüchtlinge einquartiert.

(Foto: dpa)
  • Die Garmischer Bürgermeisterin hat einen Brief an die Regierung von Oberbayern, an den Garmischer Landrat und an Mitglieder der Staatsregierung geschrieben.
  • Sigrid Meierhofer beklagt darin, dass viele Flüchtlinge in der Abrams-Kaserne der Polizei Probleme machen.
  • Der vertrauliche Brief geriet an die Öffentlichkeit - nun zieht sein Inhalt weite Kreise.
  • Nach dem internationalen Aufsehen versuchte Meierhofer, ihre eigenen Formulierungen zu relativieren. Das Bild von Garmisch sei falsch.
Von Matthias Köpf, Garmisch-Partenkirchen

Es scheint wirklich schlimm um Garmisch-Partenkirchen zu stehen. In dem kleinen Skiort in Deutschland hätten die Schwarzen die Macht übernommen, berichtet der kremlfinanzierte russische Auslandssender Russia Today auf seiner Internetseite. Das rechte französische Nachrichtenportal Atlantico weiß über das vermeintliche Regime dunkelhäutiger Flüchtlinge Ähnliches zu berichten, und bei der britischen Daily Mail ist von Straßenkämpfen, Vandalismus und sexuellen Übergriffen die Rede. Die Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen bettle die Behörden um Hilfe an, heißt es unisono.

Einen Brief an die Regierung von Oberbayern, an den Garmischer Landrat und an Mitglieder der Staatsregierung hat Sigrid Meierhofer (SPD) tatsächlich geschrieben: Darin geht es um die Erstaufnahme für Flüchtlinge im Garmischer Abrams-Komplex, wo immer mehr junge Männer aus Afrika der Polizei immer mehr Probleme gemacht haben. Ob Meierhofers Hilferuf der Gemeinde am Ende viel geholfen haben wird, ist angesichts des Echos allerdings eher ungewiss.

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Zu den Adressaten von Meierhofers Brief gehörten auch einige Garmischer Lokalpolitiker. Der Kreis war groß genug, dass das vertrauliche Schreiben bei der Lokalzeitung landete. Für die einschlägigen Portale sind Meldungen über deutsche Schwierigkeiten mit afrikanischen Flüchtlingen ein gefundenes Fressen, und so wurde aus den Problemen, welche die 250 Bewohner der Erstaufnahme im Abrams-Komplex vor allem untereinander haben, schnell eine Art Machtübernahme in dem 27 000-Einwohner-Ort.

Dass es die von Meierhofer beklagten Probleme gibt, bestreiten auch die Behörden nicht. Die dortige Erstaufnahme wird noch vom Landratsamt betrieben, als letzte der insgesamt elf oberbayerischen Erstaufnahmen und vorerst bis Ende des Jahres. Dann wird wohl auch in Garmisch die Regierung von Oberbayern übernehmen, wie es die Staatsregierung im Frühjahr beschlossen hat.

Dem gleichen Beschluss zufolge sollen möglichst viele Flüchtlinge in großen Einrichtungen bleiben, in den Erstaufnahmen möglichst die vollen sechs erlaubten Monate. Seit die Balkanroute geschlossen ist und das Abkommen mit der Türkei Wirkung zeigt, hat sich nach Angaben der Regierung in allen Erstaufnahmen die Bewohnerstruktur verändert. Statt Familien aus Syrien und vielen Afghanen leben dort immer mehr Schwarzafrikaner, die oft über das Mittelmeer nach Europa gekommen sind und sich meistens wenig Hoffnung auf einen vollen Asylstatus machen dürfen. Im Garmischer Abrams-Komplex sind von den 250 Bewohnern inzwischen 150 Afrikaner. Zusammen dominieren sie nach Behördenangaben den Alltag in der Erstaufnahme, bei gleichzeitig großen Reibereien untereinander.

Polizei will Präsenz zeigen

Die Garmischer Polizei sah sich der wachsenden Zahl von Einsätzen im Abrams-Komplex speziell im September nicht mehr gewachsen, sagt der stellvertretende Inspektionsleiter Thomas Holzer. In aller Regel gehe es da nicht um Gravierendes, sondern um Beleidigungen, Streitereien, Rangeleien, Sachbeschädigungen und kleinere Körperverletzungen. Der vom Landkreis engagierte Sicherheitsdienst könne auch nur das Hausrecht durchsetzen und müsse am Ende doch die Polizei rufen. So etwas komme in allen Erstaufnahmen immer wieder vor, heißt es dazu von der Regierung, oft in Phasen. Gewöhnlich versuche man dann, die Polizeipräsenz zu erhöhen, bis sich die Lage beruhigt.

Genau das haben die Behörden laut einer gemeinsamen Erklärung jetzt auch für Garmisch vereinbart: Man prüfe eine Videoüberwachung. Die Polizei werde auch mit Unterstützung auswärtiger Kollegen mehr Präsenz zeigen, "um neben der Sicherheitslage auch das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu optimieren".

Was die Garmischer umtreibt, sind weniger die Verhältnisse drinnen im Abrams-Komplex. Vielmehr beklagen Bürger, Geschäftsleute und Touristen, dass die Atmosphäre im Ort immer bedrohlicher werde. Im Rathaus und beim Tourismusverband treffen zahlreiche besorgte Briefe und Beschwerden, aber auch regelrechte Hassbotschaften ein. Denn viele Flüchtlinge halten sich - genau wie die Touristen - gerne in großen Gruppen am Richard-Strauß-Platz, im Kurpark und vor manchen Geschäften in der Fußgängerzone auf.

Die soziale Betreuung der jungen Männer fehlt völlig

Überall dort gibt es kostenloses Wlan, wie es Garmisch-Partenkirchen seinen Gästen bieten will, wie es aber auch von den Flüchtlingen gern genutzt wird. Ein solches Wlan hat das Landratsamt nun erstmals auch im Abrams-Komplex freigeschaltet. Zudem will die Regierung nach eigenen Angaben "die soziale Betreuung durch Fachpersonal verstärken". Eine solche Betreuung gab es im Abrams-Komplex bisher ebenfalls überhaupt nicht, sagt Alexander Huhn.

Der Kreisgeschäftsführer der Caritas, die in Garmisch einen großen Teil der professionellen Flüchtlingsarbeit leistet, vermisst generell ein sinnvolles Konzept für die politisch gewollten großen Einrichtungen. Dass es unter vielen jungen Männern auf engem Raum mit einiger Wahrscheinlichkeit zu Konflikten kommt, bestreitet in Garmisch kaum jemand. "Einfach nur den Sicherheitsdienst hochzufahren" ist für Huhn aber eine etwas zu schlichte Maßnahme. Die Bürgermeisterin hat aus seiner Sicht immerhin eins erreicht: "Dass mal alle hinschauen."

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Nach dem internationalen Aufsehen, das ihr Schreiben erregt hat, versuchte Meierhofer am Donnerstag, ihre eigenen Formulierungen zu relativieren. Das Bild, das nun teilweise von Garmisch-Partenkirchen gezeichnet werde, sei "unendlich fern jeglicher Realität", sagte sie zur SZ.