Energiewende in Bayern Seehofer ruft zum totalen Widerstand auf

Horst Seehofer gibt sich beim Widerstand gegen die Stromtrasse kämpferisch.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

In einem kleinen Dorf bei Neuburg an der Donau haben die Menschen Angst vor der "Monstertrasse", mit der die Energiewende vorangebracht werden soll. Sie setzen auf Seehofer, den Trassentöter. Der gibt sich als radikaler Vorkämpfer im Widerstand gegen die Stromautobahn.

Von Mike Szymanski

Unheil droht über dieses kleine Dorf Bergen bei Neuburg an der Donau zu kommen. Man erkennt die Vorboten am Himmel nicht sofort. Da tanzen nämlich rote Luftballons im Wind - ganz so, als ob es etwas zu feiern gäbe. Ministerpräsident Horst Seehofer hat dennoch gerade einen finsteren Blick aufgelegt, so als könnte in der nächsten Minute der ganze Himmel auf dieses Örtchen stürzen.

Schenkt man den Plakaten Glauben, die gerade von den Bürgern neben Seehofer hochgereckt werden, dann kommt hier bald die "Monstertrasse". Oder ein "Todesstreifen". Monstergebilde? Der Tod? In jedem Fall geht es um eine gigantische Stromtrasse für die Energiewende. Und dort oben, wo die Luftballons in fast 65 Meter Höhe baumeln, könnte ein solch riesiger Mast enden, zweimal so hoch wie die Dorfkirche. Seehofer steht am Dorfrand und hat den Kopf weit in den Nacken gelegt. Man braucht ein bisschen Vorstellungskraft.

Die Bürger wollen etwas anderes. Sie hoffen auf Seehofer, den Trassentöter. Seitdem der Netzbetreiber Amprion eine 450 Kilometer lange Stromautobahn von Sachsen-Anhalt quer durch Bayern nach Meitingen bei Augsburg verlegen will, damit im Norden produzierter Strom nach Bayern fließen kann, sind die Bürger entlang der geplanten Route in Aufruhr.

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Ein klassischer Fall für Seehofer, der ja bekanntlich in einer Koalition mit den Bürgern regieren will. Er ist quasi zum Koalitionsgipfel nach Bergen gereist. Das liegt in seinem Stimmkreis. Hier ist Seehofer politisch zu Hause, das gibt dem Besuch noch einmal mehr Gewicht.

Und Seehofer hat klare Botschaften dabei: Die Bürger wollten die Trasse nicht. Die Bürgermeister wollten sie nicht. Die Landräte wollten sie nicht. "Wir alle wollen die Trasse nicht", sagt Seehofer. Dagegen könne niemand an. "Diese Uraufführung hat es in Deutschland noch nicht gegeben", sagt Seehofer und legt noch ein bisschen nach: "Wir sind der Freistaat Bayern."

"Blumenfeld statt Stromfeld"

Wenig später, bei der Kundgebung auf dem Marktplatz, wird er noch deutlicher. Mehr als 500 Leute haben sich hier versammelt. Nicht nur die Bürger von Bergen sind auf den Beinen, auch die umliegenden Gemeinden haben ihre Trassengegner mobilisiert. Junge, Alte. Kinder schieben sie in die ersten Reihe, auch die beiden Mädchen Lucia und Nadja.

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Sie tragen Schilder um den Hals: "Blumenfeld statt Stromfeld" steht auf dem einen und "Wo ist unsere Lobby?" auf dem anderen. Jetzt ist ja Seehofer da: "Wir wären von allen guten Geistern verlassen, wenn wir diese wunderschöne Landschaft beschädigen oder zerstören würden", sagt er. "Ich persönlich und auch Bayerns Staatsregierung halten diese Stromtrasse nicht für notwendig", sagt er. Seehofer nennt es sogar seine "politische Verpflichtung", gegen die Trasse zu kämpfen.

Kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima hatte Seehofer sich noch ganz anders angehört. Da wollte er neue Stromleitungen, um die Atomkraftwerke so schnell wir möglich abschalten zu können. Wer Widerworte gab oder nur Bedenken hatte, den kanzelte er als Zauderer ab. Aber jetzt muss der neue Ökostrom, der überall produziert wird, transportiert werden. Und jetzt sagen ihm die Leute hier in Bergen: "Wenn schon eine Energiewende, dann bitte eine andere." Eine ohne Stromleitungen.

In Berlin kämpft Energiewendeminister Sigmar Gabriel (SPD) noch für die Trasse. In Bayern hat Seehofer sie schon beerdigt. Er befeuert in Bergen das, was Seehofer einmal als den "totalen Widerstand" bezeichnet hat. Die Trasse politisch durchzusetzen, soll unmöglich werden.

Und Seehofer muss sich seiner Sache ziemlich sicher sein. "Sie können mich beim Wort nehmen", verspricht er den Bürgern. "Es ist mein Ehrgeiz, dass ich Sie nicht enttäusche." Sie werden ihn hier in Bergen beim Wort nehmen. "Keine Kompromisse", sagt der Anführer der Trassengegner, Franz-Josef Braun.