Alpinismus Reinhold Messner: Kreuze haben am Gipfel nichts verloren

"Sie sind nicht unbedingt nach meinem Geschmack. Aber ich würde nie eines entsorgen", sagt Reinhold Messner über Gipfelkreuze.

(Foto: Horst Ossinger/dpa)

Der Extrem-Bergsteiger ist kein großer Fan von christlichen Symbolen in den Bergen. Umhauen, wie es derzeit ein Unbekannter in den Bayerischen Alpen tut, würde er aber trotzdem keines.

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In den bayerischen Alpen geht ein Gipfelkreuz-Hacker um: Bereits drei Mal in diesem Sommer wurde eines der christlichen Symbole derart mit einer Axt beschädigt, dass es gefällt werden musste, zuletzt auf dem 2102 Meter hohen Schafreiter im Karwendel. Ein Fall von religiösem Hass? Und welchen Wert haben Gipfelkreuze eigentlich aus alpinistischer und weltanschaulicher Sicht? Wir haben nachgefragt bei Reinhold Messner, 71, dem bekanntesten Bergsteiger der Welt.

SZ: Sie standen auf allen Achttausendern - und wahrscheinlich neben fast allen Gipfelkreuzen der bekanntesten Viertausender in den Alpen. Wie ist Ihr Verhältnis zu diesen Dingern?

Messner: Vorsichtig gesagt: Sie sind nicht unbedingt nach meinem Geschmack. Aber ich würde nie eines entsorgen, und wenn jemand Gipfelkreuze umhackt, ist das ein Akt von Vandalismus. Aber ich könnte persönlich auf weitere Gipfelkreuze verzichten.

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Warum?

Das Kreuz ist das christliche Symbol schlechthin, dieses gehört meiner Meinung aber nicht auf einen Gipfel. Ich spreche nicht von Missbrauch, ich sage nur, man sollte die Berge nicht zu religiösen Zwecken möblieren. Die Berge, die doch der ganzen Menschheit gehören, sollten nicht mit einer bestimmten Weltanschauung verknüpft oder besetzt werden. Die Berge selbst haben etwas Erhabenes - da braucht es kein Zeichen für etwas Übernatürliches. Dass es Gipfelkreuze überhaupt gibt, kann man kulturhistorisch aber gut erklären.

Wie denn?

Gipfelkreuze sind eine relativ späte Erscheinung. Es gibt sie erst seit gut 200 Jahren. Anfangs waren sie bei uns auch Symbole des Widerstands gegen die Aufklärung: Als die gläubigen Tiroler gegen die Fremdherrschaft der Bayern und Franzosen kämpften, stellten sie die Kreuze als Protest gegen die Franzosen auf, die ja ihren Machtkampf gegen die katholische Kirche führten. Danach verselbständigte sich die Sache, und es setzte eine regelrechte Verspargelung der Alpen mit Kreuzen ein. Diese Entwicklung ist übrigens in meinem Museum in Bozen zu besichtigen, da haben wir das Thema "Gipfelysmbole" dargestellt. Zusammengefasst: Es kreuzelt wirklich genug in unseren Bergen.

Sind Gipfelkreuze nicht sinnvoll, um den höchsten Punkt zu markieren?

Viele Kreuze stehen ja nicht mal am höchsten Punkt, sondern dort, wo man sie vom Tal aus besonders gut sieht, also oft auf Vorgipfeln. Bevor es die Kreuze gab, markierten Menschen die Gipfel mit übereinander geschichteten Steinen, einfach um zu zeigen, dass schon jemand da war. Vorher gab es schon Wetterkreuze, sie sollten Menschen im Gebirge vor Blitz und Unwetter im Gebirge schützen - ich sehe sie als Teil alpiner Kultur. Auch Gipfelbücher haben eine gewisse Berechtigung, man kann mit ihnen nachvollziehen, ob und wann ein Bergsteiger den Gipfel erreicht hat. Erst mit der Aufklärung kamen die Gipfelkreuze auf, und als Symbole der Neuzeit stehen nun Handymasten und Fernsehantennen auf Berggipfeln. Zugegeben, die sind hässlicher, martialischer und störender als Kreuze.

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Die Menschen haben offensichtlich schon immer Ängste, Sehnsüchte und religiöse Gefühle auf Berggipfel projiziert. Wie kommt das?

Es ist auffällig, dass die großen monotheistischen Religionen einen starken Bezug zum Berg haben. Moses kommt vom Berg Sinai, nachdem er die zehn Gebote von Gott erhalten haben soll. Mohammed meditierte in einer Höhle am Berg Hira bei Mekka, wo er der Überlieferung zufolge seine erste Offenbarung bekam. Der Buddhismus hat seine Wurzeln in Nordindien, am Fuße des Himalayas. Die Gipfel galten auch davor schon lange als Sitz von Göttern und Dämonen. Das ist Teil unserer Kulturgeschichte, trotzdem aber sollte man die Berge meiner Meinung nach nicht mit religiösen, politischen und sonstigen weltanschaulichen Symbolen besetzen. Dahinter stecken meist Machtdemonstrationen.