Verkehrssicherheit Warum wird nichts gegen Handys am Steuer getan?

Unser Autor hielt Telefonieren und Tippen im Straßenverkehr für einen Kavaliersdelikt. Bis er herausfand, dass die Ablenkung durchs Smartphone inzwischen Unfallursache Nummer 1 ist.

Von Christoph Gurk

Vor ein paar Monaten hat mich die Polizei aufgehalten. Es war ein Sommer-Samstag, Freibad-Wetter, ich aber hatte Stress. In ein paar Wochen würde ich heiraten, gleich danach kam ein Umzug, davor musste ich in der neuen Wohnung aber noch die Küche einbauen und weil da irgendeine Spezialschraube gefehlt hatte, war ich extra zum Baumarkt geradelt, 20 Minuten hin, 20 Minuten zurück für ein Stückchen Metall, ein Zeitfresser, als hätte ich nichts Besseres zu tun.

Als dann noch ein Kollege wegen eines Artikels anrief, machte ich das, was ich damals als Zeitverdichtung beschrieben hätte, die Polizei später aber als Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung: Ich nahm den Anruf an, in voller Fahrt. Was sollte schon passieren, ich hatte ja alles im Griff. Nur die Polizei, die direkt neben mir fuhr, die bemerkte ich erst, als sie mich durch die Lautsprecheranlage zum Anhalten aufforderte.

Letztendlich kostete mich der Anruf viel Zeit, man muss ja erstmal Personalien aufnehmen, dazu kamen noch 25 Euro. Am meisten aber ärgerte mich die Tatsache, dass die Polizei so einen Wirbel machte um ein bisschen telefonieren. Heute sehe ich das alles anders. Nicht nur, dass ich nie wieder ein Handy im Straßenverkehr benutzen würde, nicht auf dem Rad und noch weniger hinterm Steuer. Ich bin inzwischen auch dafür, die Strafen für solche Vergehen drastisch anzuheben.

Denn Smartphones beim Fahren sind kein Kavaliersdelikt, sie sind eine Volkskrankheit. Ablenkung durch Smartphones ist heute Unfallursache Nummer eins in Deutschland. Bei der Recherche für meinen Artikel für das Magazin SZ Familie erzählten mir Mitarbeiter von Verkehrsverbänden, dass der Mittlere Ring in München nach drei Monaten autofrei wäre, wenn die Polizei wirklich jeden Tag hart durchgreifen würde bei den Handysündern. So verbreitet ist das Phänomen.

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Ich habe Videos von Lkw-Fahrern gesehen, die in voller Fahrt auf der Autobahn auf ihrem Display tippen. Genauso wie die Polizei mir gezeigt hat, was passiert, wenn ein 40-Tonner ungebremst auf ein Stauende rast und Kleinwagen einfach in Klumpen verwandelt. 350 Tote, schätzen Experten, gibt es jedes Jahr in Deutschland durch Smartphone-Ablenkung am Steuer. Eine Zahl, die auf einmal sehr konkret wird, wenn man mit Hinterbliebenen wie Karin Gross spricht.

Ihr Mann war mit dem Rennrad am Straßenrand unterwegs, als eine junge Fahrerin ihn von hinten mit ihrem Auto rammte. Später stellte die Polizei nicht mal Bremsspuren am Unfallort fest. Wie auch, die Fahrerin hatte Gross' Mann ja nicht gesehen. Stattdessen hatte sie auf ihr Handy geschaut.

Tod durch Tippen

Ablenkung durchs Smartphone ist heute Unfallursache Nummer eins in Deutschland, noch vor Alkohol oder überhöhter Geschwindigkeit. Wieso gelten SMS am Steuer dann trotzdem immer noch als Kavalierdsdelikt? Von Christoph Gurk mehr...
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