Autofreie Innenstädte Helgoland, die autofreie Insel

Und wann kommt in Deutschland der große Wurf? Bernd Herzog-Schlagk, Geschäftsführer des Verbands Fuss e.V., lacht kurz auf: "Im Koalitionsvertrag findet sich nicht mal das Wort Fußgänger." Statt Alternativen anzubieten, kürze die Bundesregierung seit Jahren die ÖPNV-Mittel. "Dabei greifen die Leute zu, wenn man ihnen etwas anbietet." Nur was? Abgesehen von einigen autofreien Wohnvierteln muss man lange suchen, um alternative Modelle zu finden. Zum Beispiel auf Helgoland. Auf der 1,7 Quadratkilometer großen Nordseeinsel fährt sogar die Müllabfuhr elektrisch.

Elektrische Erfahrungen

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"Autos sind bei uns nicht nötig", betont Bürgermeister Jörg Singer (parteilos). "Zu Fuß erreicht man hier jeden Punkt in maximal 30 Minuten." Das Verkehrskonzept - selbst Fahrräder sind verboten - erfreue sich bei Touristen wie Einheimischen großer Beliebtheit. Allerdings, gesteht Singer, könne man eine Insel nicht mit einer Großstadt vergleichen. "Bis autofreie Innenstädte wirklich umgesetzt werden, wird es sicher noch 20 Jahre dauern", glaubt Singer, "aber sie werden kommen." Dann sagt der gebürtige Konstanzer allerdings etwas, das eher den Geist einer Autonation widerspiegelt: "Manchmal vermisse ich meinen Wagen ja schon ein wenig."

Im Elektroauto durch Garmisch

Am anderen Ende der Republik, im Alpenvorort Garmisch-Partenkirchen, dreht Christoph Ebert den Zündschlüssel um. Es passiert - nichts. Zumindest ist kein Geräusch zu hören, weil im Citroën C-Zero ein Elektromotor steckt. Das kleine Gefährt steht direkt vor dem Bahnhof, damit Touristen, die ohne Auto anreisen, sofort umsteigen können. Nun ja, fast: Zuvor muss man sich beim Carsharing-Anbieter Flinkster registrieren, 50 Euro Anmeldegebühr zahlen und die Codekarte zum Türöffnen im Bahnhofsbüro abholen. Dann kann es endlich losgehen.

Ein sanfter Druck aufs Gaspedal genügt, um den Flitzer durch die Bergstraßen zu jagen. Ebert ist stolz. Als Koordinator der "Modellkommune Elektromobilität" will er eine Vorreiterrolle einnehmen. Aus seinem Mund kommen Sätze wie: "Von der Energiewende bekommt man nichts mit, außer bei der Stromrechnung. Bei uns ist das anders." Zumindest ein bisschen. 16 Elektroautos stehen in Garmisch-Partenkirchen zur Auswahl, versorgt von elf E-Tankstellen. Eine halbe Million Euro stellt das Land der Modellkommune für ihr Projekt zur Verfügung; die Stadt selbst steuert den gleichen Betrag hinzu.

Strom fürs Volk

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Der schöne Schein der Elektromobilität

Vor allem Touristen sollen auf die benzinlosen Gefährte umsteigen. In einer Umfrage hat die Gemeinde herausgefunden, dass momentan über 70 Prozent aller Gäste im eigenen Auto anreisen. "Wenn sie einmal hier sind, fahren aber über 90 Prozent maximal 60 Kilometer am Tag", sagt Ebert. "Für Elektroautos ist das ideal." Hannes Krätz, der Tourismusbürgermeister, drückt es blumiger aus: "In einer so angenehm aufgeladenen Urlaubsumgebung lässt sich die Barriere in den Köpfen leichter durchbrechen." Von einer autofreien Innenstadt, das weiß auch der Bürgermeister, ist man aber weit entfernt. "In diese Richtung könnte es gehen, auf lange Sicht."

Die Bundesregierung hat das Ziel ausgegeben, bis 2020 eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen zu sehen. Erste Umsetzungsversuche laufen, etwa das "Schaufenster Elektromobilität", das Bayern und Sachsen ins Leben gerufen haben. So entsteht auf der A9 zwischen München und Leipzig (wo BMW seinen i3 produziert) momentan ein Netz von Schnellladestationen. Heiko Bruns von Autofrei e.V. hält solche Pläne für Augenwischerei: "Man umgibt sich mit dem Hauch von Elektromobilität, aber woher kommt der Strom denn?" Eine echte Chance, glaubt Bruns, habe E-Mobilität höchstens auf dem Land. "In der Großstadt braucht man keine Elektroautos, da gibt es genügend Busse."

Unterdessen hat das Emirat Abu Dhabi bekannt gegeben, dass sich die Bauarbeiten in Masdar City massiv verzögern. Ursprünglich sollte die Ökostadt im Jahre 2016 fertig werden; nun ist von frühestens 2025 die Rede. Im selben Jahr sollen auch in Freiburg die Bauarbeiten starten, um die abgasgeplagte B31 in den Untergrund zu verlegen. In Garmisch-Partenkirchen laufen die Fördergelder schon 2015 aus. Wer dann die Elektroautos finanziert? Der Bürgermeister überlegt lange. "Für uns ist das Risiko und Chance zugleich."