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Klimawandel:Wenn der Umzugshelfer in die falsche Richtung fliegt

Mönchsgrasmücke

Mönchsgrasmücken sind wichtige Umzugshelfer für Pflanzen.

(Foto: Max-Planck-Institut/dpa)

Mit zunehmender Erderwärmung ist es für viele Pflanzenarten überlebenswichtig, von Zugvögeln in kühlere Gebiete getragen zu werden. Dummerweise klappt das nicht gut.

Von Benjamin von Brackel

Auf ihrem Weg in ihre Sommer- oder Winterquartiere stärken sich Zugvögel mit Früchten; davon übrig bleiben auf dem Flug die Samen in ihren Mägen, welche die Tiere über weite Distanzen transportieren und unterwegs ausscheiden. Vor ein paar Jahren entdeckten Forscher in den Mägen von Zugvögeln, die auf einer kanarischen Insel von Falken gerissen worden waren, Samen, die vom über 170 Kilometer entfernten Festland stammten. Die Zahl war zwar gering, doch angesichts der Milliarden an Zugvögeln, die sich jedes Jahr auf ihre Reise begeben, kommen Millionen von Samen zusammen, die in aller Welt unterwegs sind.

Normalerweise bringt das den Pflanzen nichts, da sie an die fremden Klimabedingungen nicht angepasst sind. Die Samen keimen oft erst gar nicht aus, und selbst wenn, gehen die Pflanzen in Hitze oder Trockenheit ein oder werden überwachsen. Wenn sich aber das Klima auf der ganzen Welt ändert, kann die Transportdienstleistung der Vögel auf einmal überlebenswichtig für viele Pflanzenarten werden.

Der Klimawandel fordert Pflanzen heraus, passende klimatische Nischen zu finden

Erwärmt sich die Erde, müssen Tiere und Pflanzen in Richtung der Pole abwandern, um für sie passende klimatische Nischen zu finden. Pflanzen sind dabei auf den Wind angewiesen, der ihre Samen wegpustet, oder eben auf Tiere als Transporteure. Viele Samen verteilen sich gerade mal im Radius von weniger als einem Kilometer um die Mutterpflanze herum. "Eigentlich müssten Pflanzenarten ihr Verbreitungsgebiet im Schnitt um 4,2 Kilometer pro Dekade nach Norden verschieben, um mit dem Klimawandel Schritt zu halten", sagt der Ökologe Jörg Albrecht vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. "Unter normalen Bedingungen ist das nicht zu schaffen."

Also sind die Pflanzen auf die Hilfe der Zugvögel angewiesen, die innerhalb kurzer Zeit weite Strecken zurücklegen. Um das zu überprüfen, haben Albrecht und 17 weitere Wissenschaftler aus Europa mehr als ein Dutzend Wälder auf dem Kontinent untersucht. Albrecht selbst nahm sich einen Laubmischwald nahe Krakau vor: Alle zwei Wochen überprüfte der Ökologe 20 Tabletts, verteilt unter den Bäumen und Sträuchern, ob Vogelkot darauf klebte. Den kratzte er dann ab und untersuchte ihn darauf, ob er Samen von fleischhaltigen Früchten enthielt. Denn auf diese haben es Zugvögel bevorzugt abgesehen.

Als nächstes ging es darum herauszufinden, wer die Samen angeschleppt hatte. Das gelang den Wissenschaftlern um Juan González-Varo von der Universität von Cádiz in Puerto Real, indem sie die Außenhaut der Samen auf Reste der Darmschleimhaut der Vögel absuchten und im Labor genetisch analysierten. Zusammen mit Informationen zu Vogelzug, Fruchtperiode und Phänologie der Pflanzen entstand eine Art europaweites Interaktionsnetzwerk, das erstmals eine Antwort darauf gab, ob Zugvögel den Pflanzen helfen können, auf den Klimawandel zu reagieren. "Das Ergebnis ist ernüchternd", sagt Albrecht. "Es hat sich herausgestellt, dass ein Großteil der Pflanzen dann fruchtet, wenn die Vögel nach Süden ziehen - also in tendenziell wärmere Gebiete."

Wer in Deutschland schon mit mediterraner Vegetation rechnet, könnte enttäuscht werden

Insgesamt 86 Prozent der 81 untersuchten Pflanzenarten wurden von Zugvögeln transportiert, die im Herbst nach Süden migrieren, so schreiben es die Autoren im Fachblatt Nature; aber nur ein gutes Drittel der Pflanzenarten wurde von Vögeln mitgenommen, die im Frühjahr auf der Rückkehr aus ihren südlichen Winterquartieren nach Norden fliegen. Zu der Zeit trägt aber nur eine Minderheit der Pflanzen Früchte. Wie der Wacholder. Oder der Efeu, dessen Samen die Singdrossel bis nach Skandinavien fliegt.

Viele der Profiteure unter den Pflanzenarten erwiesen sich auch noch als untereinander verwandt. Das heißt: Ganze Linien eines Stammbaums könnten verschwinden, sollten die Pflanzen keine andere Mitfahrgelegenheit in kühlere Gegenden finden. "Bisher herrschte die Vorstellung, dass die mediterrane Vegetation zu uns kommt, wenn sich die Klimabedingungen nach Nordosten verschieben", sagt Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell, der nicht an der Studie beteiligt war. "Jetzt wissen wir: Es könnten nur bestimmte Teile davon kommen." Die selektive Ausbreitung von bestimmten Pflanzengruppen könnte also zu einem Einbruch in der Vielfalt der europäischen Flora führen.

Für den wichtigen Samen-Ferntransport waren, so die überraschende Erkenntnis, gerade mal eine Handvoll Vogelarten hauptverantwortlich. "Die wichtigste Rolle nehmen ausgerechnet die Allerweltsarten ein, also Arten, die sehr häufig und überall anzutreffen sind", sagt Albrecht. Für den Mittelmeerraum war das vor allem die Mönchsgrasmücke, für die gemäßigten Breiten die Amsel.

Der Umzugsservice ist deshalb aber nicht unbedingt gesichert. Beispiel Amsel: Seit einigen Jahrzehnten hat sich der einstige Waldvogel mehr und mehr in unseren Gärten eingenistet und bleibt oft das ganze Jahr daheim. Auch die Mönchsgrasmücke entscheidet sich inzwischen häufiger gegen die weite Reise. Das hat gute Gründe: Sie gehört genau wie die Singdrossel zu den am meisten gejagten Vögeln im Mittelmeerraum. Schätzungsweise mehr als eine Million Exemplare werden jedes Jahr abgeschossen.

© SZ
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