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Vögel:Und wieder sind zwei Arten verloren

ausgestorbener Steinwälzer

Man sieht zwar noch Steinwälzer in Deutschland, doch die sind auf der Durchreise. Aktuell brütet diese Vogelart hier nicht mehr.

(Foto: Thomas Krumenacker)

Der Steinwälzer und der Würgfalke sind aus Deutschland verschwunden, sechs weitere Arten könnten bald folgen. Die neue Rote Liste der Brutvögel beunruhigt Experten.

Von Thomas Krumenacker

Er ist dann mal weg, der Steinwälzer. Wohl für immer. Den hübschen Strandvogel gibt es jetzt in Deutschland nicht mehr. Auch der Würgfalke ist Geschichte: In der neuen Roten Liste der Brutvögel werden beide Vogelarten nun offiziell in Deutschland für ausgestorben erklärt. Ausgerechnet zum Abschluss der von den Vereinten Nationen ausgerufenen "Dekade der biologischen Vielfalt" schrumpft die Zahl der Vogelarten hierzulande weiter. Und auch unterhalb der Schwelle des kompletten Aussterbens hat sich die Lage für viele Vogelarten in den vergangenen Jahren weiter deutlich verschlechtert, wie die von einem Wissenschaftler-Gremium aus ornithologischen Fachverbänden und dem Bundesamt für Naturschutz erstellte Rote Liste belegt. Die im Sechsjahres-Turnus aktualisierte Übersicht soll in dieser Woche veröffentlicht werden und liegt der SZ vor.

Seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen vor mehr als 200 Jahren gelten nun 14 Vogelarten in Deutschland als ausgestorben, und die Liste könnte bald noch länger werden. Sechs weitere Vogelarten könnten laut der Analyse der Rote-Liste-Autoren bereits verschwunden sein: Wenn innerhalb der nächsten beiden Jahre nicht noch ein Wunder geschieht, werden auch Rotkopfwürger, Raubseeschwalbe, Ohrentaucher, Seggenrohrsänger, Bruchwasserläufer und Goldregenpfeifer spätestens 2024 ebenfalls für ausgestorben erklärt, weil sie dann seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr in Deutschland zur Brut geschritten sind. "In Deutschland droht ein Aussterben von Brutvogelarten in bislang unbekanntem Ausmaß", warnen die Expertinnen und Experten des "Nationalen Gremiums Rote Liste Vögel".

Nicht nur in der Kategorie "Ausgestorben oder Verschollen", verzeichnet die neue Liste Zugänge. In der höchsten Gefährdungskategorie noch brütender Arten "Vom Aussterben bedroht" finden sich jetzt 33 Vogelarten - ein Plus von mehr als zehn Prozent gegenüber der Vorgängerliste. Unter diesen Vogelarten an der Schwelle zum Aussterben sind jetzt auch Knäkente, Raubwürger und Sperbergrasmücke.

Insgesamt sind nun 43 Prozent aller 259 regelmäßig hierzulande brütenden Vogelarten in ihrem Bestand gefährdet. Weitere 21 stehen auf der sogenannten Vorwarnliste, eine Art "Kandidatenliste", in der noch häufige Vogelarten mit einem bedenklichen Abwärtstrend geführt werden. Dort steht auch die Silbermöwe.

Forscher beklagen "Trivialisierung" der Vogelwelt

Die immer weiter abnehmenden Zahlen vieler Vogelarten bereiten den Forschern auch deshalb Sorge, weil damit auch flächendeckend eine zunehmende Verarmung der Vogelwelt in weiten Teilen Deutschlands einhergeht: Wenige sehr häufige Vogelarten stellen einen immer größeren Anteil der 75 bis 100 Millionen Vogelbrutpaare, lautet der Befund der Autoren auf Basis der Auswertung langjähriger Monitoringdaten. Die mit Abstand häufigsten Vogelarten sind Amsel und Buchfink mit jeweils mehr als acht Millionen Brutpaaren. Zusammen mit acht weiteren Arten stellen sie mehr als 60 Prozent aller Vögel in Deutschland. Wissenschaftler sehen in dieser "Trivialisierung" der Vogelgemeinschaften ein Spiegelbild zur zunehmenden Eintönigkeit der Landschaft. Anspruchslose und anpassungsfähige Generalisten unter den Vogelarten kommen danach deutlich besser mit Verschlechterungen in ihrem Lebensraum zurecht als Spezialisten, die beispielsweise auf eine ganz bestimmte Nahrung oder auf vielfältige naturbelassene Lebensräume angewiesen sind.

Entsprechend wenig überraschend finden sich von den Vogelarten, die bevorzugt im Agrarland leben, besonders viele auf der Roten Liste wieder. 70 Prozent der 23 sogenannten Offenlandarten sind mittlerweile gefährdet. Und bei den meisten von ihnen hat sich die Lage im Vergleich zur Roten Liste von 2015 noch weiter verschärft. Auf Insekten angewiesene Arten sind überdurchschnittlich häufig bedroht. So mussten unter anderen Ortolan, Kuckuck oder Feldschwirl in der neuen Roten Liste in eine höhere Bedrohungskategorie heraufgestuft werden. In den höchsten Bedrohungsstufen "stark bedroht" oder "vom Aussterben bedroht" teilen sie sich nun den Platz mit anderen Insektenfressern des Agrarlandes wie Rebhuhn, Braunkehlchen und Wiesenpieper.

Die Befunde der Roten Liste stützen andere Analysen wie den Agrarreport des Bundesamts für Naturschutz oder eine Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Beide hatten vor einem Öko-Kollaps im Agrarland gewarnt und eine ökologische Wende in der europäischen Agrarpolitik gefordert.

Es gibt aber auch positive Nachrichten in der neuen Roten Liste. So wanderte in den vergangenen Jahren der schneeweiße Silberreiher aus Süd- und Südosteuropa nach Deutschland ein und ist nun in Mecklenburg-Vorpommern erstmals auch als Brutvogel nachgewiesen worden. Aufwärts geht es auch mit dem Weißstorch, der vor allem in Westdeutschland von jahrzehntelangen Schutzbemühungen profitieren kann und nun ebenso wie Rauchschwalbe und Steinkauz nicht mehr als unmittelbar gefährdet gilt. Rotmilan, Gartenrotschwanz und Haussperling wurden sogar ganz aus der Roten Liste "entlassen", und mit dem Triel gelingt sogar einer bisher als ausgestorben eingestuften Vogelart das Comeback. Der hochbeinige und überwiegend nachtaktive Feld- und Steppenvogel brütet, wenn auch nur in wenigen Paaren, seit einigen Jahren wieder in Baden-Württemberg.

Und selbst den als Brutvogel nun ausgestorbenen Steinwälzer kann man weiterhin an Nord- und Ostsee beobachten, wenn er am Strand oder auf meerumspülten Buhnen zwischen den Steinen nach Schnecken und Würmern sucht. Allerdings sind das dann keine Brutvögel aus Deutschland mehr, sondern Durchzügler aus arktischen Regionen, in denen Steinwälzer noch ungefährdet sind.

© SZ
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