Psychologie:Warum Menschen genervt vom Warten sind

Psychologie: Geht die Uhr langsamer, je näher Mitternacht rückt? Silvester-Countdown auf dem Museumplein in Amsterdam.

Geht die Uhr langsamer, je näher Mitternacht rückt? Silvester-Countdown auf dem Museumplein in Amsterdam.

(Foto: Eva Plevier/IMAGO/ANP)

Die Ungeduld wächst insbesondere dann, wenn das ersehnte Ziel fast erreicht ist. Psychologen erklären, woran das liegt.

Von Sebastian Herrmann

Menschenmassen schieben sich und ihre beladenen Einkaufswagen durch den Supermarkt, um sich vor den Kassen zu Warteschlangen zu verdichten. Wo nun anstellen? Natürlich an der falschen Schlange, ist ja klar. Der Beginn der Warterei vergeht gut gelaunt. Ein bisschen tagzuträumen oder am Smartphone rumzudrücken, lässt sich auch als Mini-Alltags-Auszeit begreifen und genießen.

Langsam, aber stetig verbessert sich die Position in der Schlange. Noch ein Kunde, dann hat die Warterei ein Ende. Dumm nur, dass ausgerechnet jetzt ein Problem auftritt: Der Kunde will ein Produkt umtauschen, die Rolle für die Kassenbons ist leer, die EC-Karte ist defekt und das Bargeld reicht nicht - irgendwas verzögert die Angelegenheit so kurz vor dem Ziel. Und auf einmal bricht die große Ungeduld aus: Was für ein Mist, geht hier mal was vorwärts, verdammt noch mal?

Niemand wartet gerne. Wenn Signalstörungen die S-Bahn aufhalten, der Paketbote die ersehnte Sendung wieder nicht dabeihat oder die Antwort auf einen Vorschlag für ein Projekt nicht kommt, löst sich Lebenszeit in Ungeduld auf. Wie die Psychologinnen Annabelle Roberts und Ayelet Fishbach nun in Social Psychological and Personality Science berichten, scheuert Wartezeit das Gemüt am übelsten wund, wenn das Ziel fast erreicht oder das ersehnte Ereignis beinahe eingetreten ist.

Das gelte unabhängig davon, wie lange die Wartezeit insgesamt sei. Der entscheidende Faktor liegt also nicht darin, dass nach elend langem Ausharren die Nerven einfach wegen der verlorenen Zeit durch sind. Es sei die reine Nähe zum Ziel, aus der sich brodelnde Ungeduld speise, argumentieren Roberts und Fishbach. Im Menschen schlummere ein tiefer Drang, Dinge zu einem Ende zu führen. Dies sei ein Quell der Ungeduld.

Nur vor unangenehmen Terminen vergeht die Zeit wie im Flug

Die Psychologinnen ließen Probanden Wartezeit auf verschiedene Ereignisse bewerten. So gaben die Teilnehmer an, wie ungeduldig sie auf die Ergebnisse der US-Präsidentenwahl im Jahr 2020 oder auf ihre erste Covid-19-Impfdosis im Frühjahr 2021 gewartet hatten. Darüber hinaus konfrontierten die Psychologinnen sie mit einer weniger besonderen Situation: nämlich damit, auf einen Bus zu warten. In allen Fällen steigerte sich die Ungeduld am Ende der Wartezeit.

Das galt etwa, als die Ergebnisse der US-Präsidentenwahl bereits abzusehen, aber noch nicht verkündet waren. Auch die Erwartung des Impftermins löste in der letzten Phase die größte Ungeduld aus, obwohl die Mehrzahl der Probanden da bereits weniger Angst vor Corona hatte als noch zu Beginn der Wartezeit wenige Monate zuvor.

"Der Wartestress eskaliert, wenn das Ziel beinahe erreicht ist", schreiben also Roberts und Fishbach. Wer mit Kindern auf Geburtstage oder die Weihnachtsbescherung wartet, kann diese Eskalation in gesteigerter Form erleben. Und natürlich, das haben ebenfalls Studien gezeigt, bricht Ungeduld besonders dann aus, wenn auf ein positives, ein ersehntes Ereignis gewartet wird. Andersherum vergeht die Zeit dummerweise wie im Flug: Plötzlich stehen der Zahnarzttermin oder der öffentliche Vortrag an, die vor wenigen Wochen nur kleine, harmlose Kalendereinträge waren.

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