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Abgründe der menschlichen Psyche:Der Mörder in uns

Wie krank ist Anders Behring Breivik? Es wäre beruhigend, den norwegischen Attentäter als psychisch gestört abzustempeln, als brachialen pathologischen Ausnahmefall. Doch Ärzte, Kriminalisten und Soziologen sehen Abgründe in allen Menschen.

Krank, irr, durchgeknallt, eine Bestie oder schlicht ein Monster. Für die Beschreibung des Täters, der in Norwegen mutmaßlich 76 Menschen ermordet hat, gibt es viele Adjektive und Metaphern. Die Wortwahl ist verständlich und vor allen Dingen bequem. Krank und weg - als normal denkender Mensch will man intuitiv einen Abstand schaffen zwischen der eigenen Lebenswelt und dem Grauen von Oslo und Utøya.

Doch die vorschnelle Einordnung des Täters in psychopathologische Kategorien ist nicht nur wissenschaftlich unkorrekt, sie birgt auch Gefahren. Wäre Anders Behring Breivik tatsächlich ein kranker, etwa ein wahnhaft schizophrener, Mensch, so könnte ihm im moralischen wie juristischen Sinne die Schuldfähigkeit abgesprochen werden. Der Massenmörder von Norwegen hätte in diesem Fall seine Taten wohl begangen, aber dabei keine Schuld auf sich geladen. So einfach sollte man diesen Verbrecher nicht davonkommen lassen.

Wie krank also ist Breivik? Nach Meinung führender Gerichtspsychiater spricht der Tathergang nicht für einen pathologisch gestörten, im krankhaften Wahn handelnden Irren, sondern für einen Überzeugungstäter, der aus einer krausen, teils selbstgestrickten Ideologie möglichst viel Gewalt anwenden wollte.

"Das gezielte und kühl berechnende Tatvorgehen spricht klar für die zweite Variante", sagt Frank Urbaniok, Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes bei der Züricher Justiz. Der Grad der Gefährlichkeit eines Menschen lasse nicht unbedingt auf eine massive psychiatrische Störung schließen, sagt er, da gebe es keinen automatischen Zusammenhang.

"Im Fall Breivik sprechen die akribische Planung und die Kühle der Durchführung gegen eine schwere psychische Erkrankung", so der Psychiater. Den Bezug zur Realität habe der Täter offenbar nicht vollends verloren, in seinem Koordinatensystem sei "das Morden eine Nebenwirkung für das Erreichen eines größeren Ziels. Er betrachtet es als angemessene Antwort auf eine legitimierende Emotion, wissend, dass es nicht legal ist", sagt Urbaniok.

Emotionale Prothesen

50 bis 60 Spielarten von Gewaltdelikten sind in der forensischen Psychiatrie bekannt. Zur Besonderheit der Morde von Norwegen gehört, dass der Täter - anders als beispielsweise in den Schulmassakern von Littleton oder Winnenden - als Folge seines Feldzugs nicht den eigenen Tod suchte. Breivik ging es bewusst um die Veröffentlichung seines Tuns, was ihm methodisch ebenso gelungen ist wie die präzise Durchführung seines teuflischen Mordplans. So viel Kalkül und so viel Logistik erfordern jedoch einen hohen Realitätssinn. Genau das spricht gegen eine Krankheitsdiagnose.

Nahlah Saimeh, Ärztliche Direktorin des Zentrums für Forensische Psychiatrie in Lippstadt und erfahren im Umgang mit Gewalttätern und Amokläufern, will sich nicht konkret äußern zu einem Täter, den sie nicht selbst begutachtet hat. Doch sei die Diagnose einer Psychopathie bei terroristischen Attentätern im Regelfall falsch. Häufig stehe ein massives narzisstisches Selbstwertproblem dahinter, "aber keine Persönlichkeitsstörung im krankheitswertigen Sinne".

Massenmörder und Amokläufer seien häufig von einer großen inneren Leere geprägt, sagt Saimeh. Auch fühlen sie sich in der Gesellschaft oder im Beruf nicht so platziert, wie sie es für angemessen halten. "Während es Amoktätern oft um Rache oder Kränkung geht, entwickeln politische Mörder häufig ein bizarres, pathologisches Gerechtigkeitsempfinden mit einem aggressiven Gewissen für richtig oder falsch", sagt die Psychiaterin, "das stütze das fragile Selbstwertgefühl wie eine Prothese."

Ein scharfes Kriterium für eine Krankheitsdiagnose sei die Frage, wie weit die sonstige Lebensführung beeinträchtigt wird. "Mohammed Atta zum Beispiel (ein Anführer der Attentate vom 11. September 2001) hatte so viele soziale Valenzen, dass er sicherlich nicht im medizinischen Sinne krank war", sagt Nahlah Saimeh. Auch sie betont, ein hoher Grad der Planung spreche für einen intakten Bezug zur Realität. "Solche Täter machen sich oft fast spießbürgerliche Gedanken, zum Beispiel, dass sie am Tag X ausgeschlafen sein sollten." Entscheidend sei eine Art Parallelrealität, in der Fehler nach außen projiziert werden: "Nicht ich bin das Übel, sondern ich beseitige das Übel."