Verhaltensbiologie:Küken lernen schon im Ei

Lesezeit: 2 min

Chicken chick - 6 day old embryo in egg PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: JeanxMichelxLabat 10769986

Vogelküken, hier ein sechs Tage alter Hühner-Embryo, bekommen im Ei die Geräusche ihrer Umgebung mit.

(Foto: Rights Managed via www.imago-images.de/imago images/Ardea)

Vogelkinder lernen den typischen Gesang ihrer Art, noch bevor sie geschlüpft sind.

Von Katrin Blawat

Kinder bekommen oft mehr mit, als Erwachsene ihnen zutrauen. Kaum eine Information, die in Anwesenheit der Kleinen geteilt wird und für sie relevant ist, entgeht ihren Ohren - selbst wenn sie sich das Zuhören äußerlich nicht anmerken lassen. Zur besonderen Meisterschaft dabei bringen es offenbar Vogelkinder, die noch im Ei hocken. Die ungeschlüpften Küken bekommen nicht nur Geräusche aus ihrer Umgebung mit, sondern lernen darüber hinaus bereits im Ei den arttypischen Gesang ihrer Spezies - Monate oder sogar Jahre bevor sie als erwachsene Tiere selbst die komplexen Tonfolgen produzieren. Das schreibt ein Team um die Biologin Diane Colombelli-Négrel von der Flinders University im australischen Adelaide im Fachmagazin Philosophical Transactions.

Unter den Studienteilnehmern waren Finken und Zwergpinguine

Die Autoren beschallten Eier von fünf verschiedenen Vogelarten mit Aufnahmen arteigener sowie artfremder Lautäußerungen. Von den fünf Spezies gelten drei - Kleingrundfink und zwei Staffelschwänze - als sogenannte vokale Lerner. Das sind Vögel, die zwar eine angeborene Präferenz für den Gesang ihrer eigenen Art haben, sich aber für die Feinheiten der Lautäußerungen maßgeblich an ihrem Umfeld orientieren. Um später effizient kommunizieren zu können, brauchen sie Vorbilder. Damit sind diese Arten Mitglieder in einem ziemlich exklusiven Zirkel: Vokales Lernen wird bisher nicht allzu vielen Tieren zugetraut. Gesichert ist es - außer bei Singvögeln und Menschen - etwa bei Papageien, Fledermäusen und Walen.

Außerdem nahmen an der Studie die Küken von Zwergpinguinen und Japanwachteln teil. Beides sind keine Singvögel. Doch gerade deswegen lieferten die Experimente mit diesen beiden Arten eine interessante Erkenntnis. Selbst Küken, die nicht darauf angewiesen sind, einen bestimmten Gesang zu lernen, nehmen schon im Ei die Lautäußerungen ihrer Artgenossen wahr und lernen diese auf einfache Weise. Letzteres leiten die Autoren aus Aufzeichnungen der Herzfrequenz der kleinen Vögel ab. Anfangs erhöhte sich die Herzfrequenz bei allen Küken, sobald sie mit Lautäußerungen von Vertretern der eigenen Art beschallt wurden. Diese Reaktion schwächte sich nach einigen Wiederholungen jedoch bei allen untersuchten Spezies ab. Für die Biologen ist das ein Beleg für sogenanntes habituelles Lernen - also für Gewöhnung. Angesichts dieser Ergebnisse plädieren die Autoren dafür, die Tierwelt weniger binär in vokale Lerner einerseits und vokale Nichtlerner andererseits zu unterteilen.

Unterschiede zwischen den getesteten Singvögeln und den beiden anderen Arten zeigten sich in der Studie jedoch ebenfalls deutlich. Die Küken der drei Singvogelarten reagierten auf den Gesang ihrer Artgenossen anfangs stärker als die Pinguin- und Wachtelbabys. Sie erkannten also aufgrund genetischer und neurologischer Veranlagung, dass diese speziellen Töne von besonderer Relevanz sind. Darüber hinaus erhöhte sich - nur bei den Singvögeln - in geringerem Ausmaß die Herzfrequenz auch, wenn sie artfremden Gesang hörten. Dies spiegelt wider, dass die Küken über die genetische Disposition hinaus auch Erfahrungen mit ihrem Geräusche-Umfeld sammeln müssen, um den richtigen Gesang zu lernen. Bisher war nicht bekannt, dass dieses Lernen bereits im Ei beginnt. Vermutlich beeinflussen die frühen Erfahrungen die weitere Entwicklung der Genaktivität und der neurologischen Verschaltungen derart, dass die Küken immer aufmerksamer für den Gesang ihrer eigenen Art werden, schreiben die Autoren. Je nachdem, wie beschränkt oder vielfältig die Gesangskulisse der Küken im Ei ist, könnte auch ihr späteres Gesangsrepertoire begrenzt oder variabel sein.

Zur SZ-Startseite
Unterwasserlärm

SZ PlusUnterwasserlärm
:Ruhe da unten!

Der Mensch hat den Klang der Meere dramatisch verändert. Das kann dazu führen, dass Wale sich gegenseitig nicht mehr hören, Robben keinen Partner finden und Jungfische Feinde zu spät bemerken. Über das Getöse in der Tiefe.

Lesen Sie mehr zum Thema