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Videospiel "The Last of Us":Werbewirksamer Zombie-Pilz

Die Figur Joel ist der Überlebende einer furchtbaren Seuche. Die Opfer wurden von einem Pilz infiziert, der durch den realen Parasiten Cordyceps unilateralis inspiriert ist. 

(Foto: Sony Computer Entertainment)

In dem Videospiel "The Last of Us" verwandelt ein Pilz Menschen in willenlose Sporenträger, die ihre Mitmenschen attackieren. Fast die gesamte Menschheit ist von dem Parasiten befallen, der ein reales Vorbild hat: den Pilz "Cordyceps unilateralis". Der allerdings befällt nur Ameisen. Wie realistisch ist das Szenario? Fragen an den US-Wissenschaftler Donald Hughes, der den Pilz erforscht.

Berichte über den Pilz Cordyceps unilateralis (auch Ophiocordyceps unilateralis), der die Kontrolle über das Gehirn von Ameisen übernimmt, haben die Entwickler des PS3-Spiels "The Last of Us" so tief beeindruckt, dass sie den Parasiten in ihr Endzeitszenario übernommen haben. Allerdings verwandelt er hier Menschen in willenlose Wesen, mit deren Hilfe er sich weiter ausbreitet - und die Menschheit dabei fast ausrottet. Mit dem Hinweis auf den wissenschaftlichen Hintergrund versucht die Spielefirma Sony Aufmerksamkeit zu erregen.

Aber was sagt David P. Hughes von der Penn State University dazu, der den Pilz erforscht? Sony hat den US-Biologen zur Vorstellung des Spiels nach Berlin eingeladen. Wir haben die Gelegenheit genutzt und mit ihm gesprochen.

SZ.de: Die Handlung des Videospiels "The Last of Us" ist angesiedelt in den Resten einer Gesellschaft, die von einem ansteckenden Pilz zerstört wurde. Einem Pilz, der Menschen in Zombies verwandelt, die andere Menschen angreifen ...

David P. Hughes: Es geht eigentlich nicht um Zombies wie etwa in dem Spiel "28 Days Later" oder dem neuen Film mit Brad Pitt, "World War Z". Es werden keine Toten wieder lebendig. Es geht vielmehr um eine Zoonose, eine Infektion, die sich Menschen bei Tieren einfangen können. 60 Prozent der menschlichen Krankheiten gehen von Tieren aus, so wie Influenza, Sars oder die Pest. Danach kann es zur Übertragung der Erreger von Mensch zu Mensch kommen, manchmal auch über die Umwelt.

Wenn wir uns zum Beispiel einen Grippe-Erreger an der Türklinke einfangen, die vorher ein Virus-Träger angefasst hat ...

Unter diesen Gesichtspunkten der Krankheitsübertragung ist das Spiel realistisch.

Was genau tut der Parasit im Spiel?

Die Infektion verläuft über vier Stadien, in denen der Parasit den menschlichen Körper verändert. Es gibt deshalb unterschiedliche stark infizierte Gegner.

Zuerst gibt es die Runner, die noch keine starken Gegner sind, dann die Stalker, etwas gefährlicher.

Videospiel "The Last of Us"

Wissenschaft im Hintergrund

Im dritten Stadium sind die Infizierten erblindet und orientieren sich über eine Art Echolot.

Weshalb sie Clicker heißen.

Schließlich verwandeln sie sich in Bloater, in Pilzfruchtkörper, die infektiöse Sporen abgeben.

Der Pilz stattet die Infizierten mit einer Echo-Ortung aus?

Das ist natürlich wirklichkeitsfremd. Aber die Idee ist aus der Natur geliehen. Fledermäuse oder Delphine orientieren sich mithilfe solcher Techniken. Im Spiel werden verschiedene interessante Gebiete der Biologie vermischt, um eine überzeugende Geschichte zu erzählen.

Ist es überhaupt vorstellbar, dass ein Pilz den Körper eines Menschen steuert?

Es gibt Beispiele dafür, wie Parasiten Säugetiere manipulieren. Toxoplasma etwa infiziert Ratten und lässt sie die Angst vor Katzen verlieren. So kommt es zur Übertragung des Parasiten von der Ratte auf die Katze. Und je nachdem, welche Gesellschaft Sie betrachten, finden Sie, dass bis zu 60 Prozent der Bevölkerung ebenfalls mit Toxoplasma infiziert ist. Dieser Parasit beeinflusst auch das menschliche Gehirn. So ist das Risiko für Verkehrsunfälle bei den Betroffenen zweieinhalb Mal größer als bei nicht infizierten Menschen. Außerdem erhöht Toxoplasma offenbar die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Schizophrenie entwickelt.

Oder denken Sie an Mutterkorn, einen Pilz, der Roggen befällt. In der Vergangenheit wurde immer wieder infiziertes Getreide verzehrt und es ist zu massenhaften Ausbrüchen des sogenannten Antoniusfeuers gekommen, bei dem die Patienten unter anderem Wahnvorstellungen entwickeln können. Zuletzt hat es das in den fünfziger Jahren in Frankreich gegeben. Eine infizierte Zwölfjährige wurde damals psychotisch und erstach ihre Mutter mit einem Messer. Es wird auch diskutiert, dass es in den USA in Salem im 17. Jahrhundert aufgrund von Mutterkornvergiftungen zu Psychosen gekommen ist, die dann zu den berüchtigten Hexenverbrennungen geführt haben.

Die Parasiten können uns also nicht wirklich kontrollieren, aber immerhin unser Verhalten verändern. Wir ekeln uns und sind zugleich fasziniert von solchen Phänomenen. Ist der Bezug auf Cordyceps für die Spielemacher nicht nur ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen? Wie wichtig war ihnen die Biologie wirklich?

Ich denke, die haben sich um mich und um die Wissenschaft keine großen Gedanken gemacht. Die wollen nicht meinen Segen als Wissenschaftler. Sie möchten aber überzeugende Geschichten erzählen. Das sind Geeks, die interessante Szenarios entwickeln wollen und Wert auf komplexe Details legen. Für das Zombie-Genre ist das schon oft getan worden. Jetzt wollen die Entwickler eine neue Stufe erreichen, und dafür nutzen sie Inspirationen von überall. Welches Detail auch immer helfen könnte, die Geschichte interessanter zu machen, wird genutzt.

Bei Sony wird betont, dass die Entwickler die Spielidee hatten, als sie auf BBC eine Dokumentation über Ihre Forschung gesehen haben.

Sie sind selbst wie viele andere davon fasziniert. Es erscheint uns eben unglaublich, dass die Evolution so etwas hervorgebracht hat wie diese Parasiten. Darüber sprechen die Leute im Büro am Kopierer.

Welches Interesse haben Sie an dem Spiel?

Ich finde es begrüßenswert, dass die Biologie eine wichtige Rolle spielt. Die meisten Menschen interessieren sich nicht so sehr für Wissenschaft, aber viele für Filme und Videospiele. Ich bin froh über die Gelegenheit, ihnen über ein Spiel die Biologie nahezubringen. Auch wenn manche Details falsch verstanden werden, wird das Interesse geweckt. Und wir haben vielleicht später Gelegenheit, das zu korrigieren.

Wieso wollen Sie das Interesse an Wissenschaft ausgerechnet über ein Action-Videospiel wecken? Es gibt doch zum Beispiel Dokumentarfilme.

Ich bin selbst als Kind mit David Attenboroughs Sendungen auf BBC groß geworden. Aber die Jugendlichen schauen nicht mehr so viel Fernsehen, sie spielen eher Videospiele. Vielleicht ist das ein Weg, ihnen auch etwas über mein Fach beizubringen. Vielleicht löst es bei manchen Schülern ein Interesse an Biologie aus.

Für Jugendliche ist das Spiel eigentlich zu brutal, in Deutschland ist es erst ab 18 Jahren freigegeben. Immerhin liefert es bereits eine Menge Gesprächstoff. Verstehen Sie, wieso so viele Menschen von Vampiren, Zombies oder Parasiten wie in "The Last of Us" fasziniert sind?

Absolut! Zum einen lebt erstmals in der Geschichte der Menschheit die Hälfte der Weltbevölkerung in großen Städten. Unter unnatürlichen Bedingungen, in einer hohen Dichte, zusammen mit Menschen, die wir nicht kennen. Das löst bei uns ein großes Unbehagen aus. Denn wir wissen, dass in der Vergangenheit große Seuchen wie der Schwarze Tod oder die Spanische Grippe 1918 verheerende Auswirkungen auf ganze Gesellschaften hatten. Ansteckende Krankheiten sind eine der ganz großen Bedrohungen unserer Existenz. Ich denke, die allgemeine Faszination, die von Zombies und diesen dystopischen Vorstellungen ausgeht, spiegelt unsere Angst davor wider.

Zum Zweiten gibt es schon lange Legenden von Untoten, Vampiren und Werwölfen, die offenbar mit dem Tollwut-Virus zusammenhängen. Dieser Erreger hat früher 50.000 Menschen jedes Jahr getötet und das Verhalten der Infizierten massiv verändert.

Und wie gefällt Ihnen nun das Spiel?

Ich spiele selbst keine Computerspiele. Ich habe es versucht, aber "The Last of Us" ist ein sehr komplexes Spiel und ich habe keine Erfahrung mit der Steuerung. Aber ich habe es mir angeschaut. Ich finde die Bilder großartig und denke, dass eine große Kunstfertigkeit dahintersteckt.

Einen ausführlichen Realitäts-Check zum Spiel findet man bei Eurogamer.de.