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Pflanzenzucht:Gemüse gedeiht auf Matratzen

Gärtnern auf Schaumstoff

(Foto: University of Sheffield)
  • In einem jordanischen Flüchtlingscamp ist es gelungen, Gemüse auf alten Matratzen zu züchten.
  • Die neue Methode braucht dabei 70 bis 80 Prozent weniger Wasser und funktioniert auch ohne Erde.
  • Noch vor drei Jahren wuchsen in dem Camp keine Pflanzen, denn der Boden ist nährstoffarm und salzig.

Gemüse und Kräuter wachsen nicht nur in der Erde, sondern - mit ein paar Tricks - auch im Schaumstoff ausrangierter Matratzen. Diese Entdeckung hat im jordanischen Flüchtlingscamp Za'atari eine grüne Revolution ausgelöst. Noch vor drei Jahren wuchsen in dem Camp keine Pflanzen, denn der Boden ist nährstoffarm und salzig. Heute sprießt vor Hunderten Unterkünften allerlei Grünes aus mit Matratzenschaum bestückten Plastikbechern. Die Bewohner konnten schon Gurken, Paprika, Tomaten und Auberginen ernten. Auch Himbeeren und Kräuter wie Pfefferminze oder Koriander gedeihen.

"Wir waren überrascht, was die Menschen unter diesen Bedingungen alles aufziehen konnten", berichtet Tony Ryan, Chemieprofessor an der Universität Sheffield. Er hatte die Idee für das Matratzenprojekt, sein Team forscht schon länger an Schaumstoff als wasserspeicherndem Substrat für den Pflanzenbau. Die Wurzeln finden in den Poren Halt. Eine Nährstofflösung fördert das Wachstum. "Diese Art zu gärtnern braucht keine Pestizide oder Wachstumsregulatoren, und sie kommt mit 70 bis 80 Prozent weniger Wasser aus", sagt der Forscher. Für die Menschen im Camp sind diese hydroponischen Systeme eine Möglichkeit, sich selbst mit frischen Lebensmitteln zu versorgen und ein bisschen Heimatgefühl zu erzeugen. "Die meisten der knapp 80 000 Flüchtlinge kommen aus der Region Dara'a in Syrien, die für ihren fruchtbaren Boden bekannt ist, und das Camp ist voller Farmer", sagt Ryan.

Viele Menschen im Camp sind Farmer. Sie entwickeln die Methode jetzt selbst weiter

Bei seinem ersten Besuch nahm der Chemiker eine Matratzenprobe mit nach Sheffield, pflanzte Tomaten darin an, analysierte die Ernte und zeigte, dass die Früchte für den Verzehr geeignet sind. Dann begann sein Team, im Camp Überzeugungsarbeit zu leisten. Ein Kollege Ryans, der einst selbst aus Syrien geflüchtet war, half dabei. Die Wissenschaftler lehrten die Grundlagen der Hydroponik in Workshops und gaben den Flüchtlingen ein Starterkit mit: einen Setzling und ein kreisrundes Stück Matratzenschaumstoff, das in einen im Bodenbereich durchlöcherten Joghurt- oder Kaffeebecher gesteckt wird und dieser wiederum in eine mit Nährstofflösung gefüllte Plastikbox mit Deckel, oder, platzsparender, in ein mehretagiges Arrangement aus Kunststoffrohren. So können die Wurzeln die Nährstoffe erreichen und überschüssiges Wasser bleibt im System.

Basilikum aus Za'atari

(Foto: University of Sheffield)

Mehr als 600 Menschen aus dem Camp haben an den Workshops teilgenommen. Mittlerweile unterrichten sich die Flüchtlinge gegenseitig. "In der Peergroup funktioniert es einfach am effektivsten", sagt der Chemiker. Auch die Wissenschaftler könnten von den Erfahrungen und der Expertise der Syrer profitieren, die unter anderem besonders effiziente Bewässerungspläne entwickelt hätten. Dieses Wissen hilft nun einem Kollegen Ryans in Großbritannien dabei, Konzepte für Hightech-Gewächshäuser zu optimieren, die unter dem Begriff "Vertical Farming" als Alternative zur klassischen Landwirtschaft beworben werden.

Dass die eingesetzten Materialien zum Plastikmüllproblem beitragen, glaubt Ryan nicht. "Das Za'atari-Camp hat das beste Müllmanagement in ganz Jordanien", betont er. Im Rahmen eines Pilotprojekts der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wurde 2016 die Mülltrennung eingeführt, eine Deponie und ein Recyclinghof aufgebaut, mit Arbeitsmöglichkeiten für Flüchtlinge. Derzeit ist Ryan mit seinem Team in weiteren jordanischen Flüchtlingscamps unterwegs, um für die Gärten aus gebrauchten Matratzen zu werben. Auch in anderen Ländern sind Projekte geplant.

© SZ vom 10.03.2020/hmw
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