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Sehhilfe mit Tönen:Echolot für Blinde

Eine neue Sehhilfe für Blinde soll Kamerabilder in Töne verwandeln - sehbehinderte Menschen könnten so ihre Umwelt wie eine Klanglandschaft "sehen". Die Forscher sind fasziniert, wie das Gehirn der Probanden die akustischen Informationen verarbeitet.

Von Christian Weber

Seit Jahren versuchen Mediziner und Ingenieure, eine künstliche Retina zu konstruieren, bislang mit mäßigem Erfolg. Schneller voran käme die Medizin womöglich, wenn sie sich auf das konzentrieren würde, was Blinde besonders gut können: das Hören. Darauf deuten Experimente von Ella Striem-Amit und Amir Amedi von der Hebräischen Universität in Jerusalem hin (Current Biology, online). Die beiden Neurowissenschaftler nutzten mit Erfolg neuartige Computer-Kamera-Systeme, mit deren Hilfe selbst von Geburt an blinde Menschen nach rund 70 Stunden Training wieder die Umrisse und sogar die Haltung von Körpern erkennen konnten.

Pixel werden zu Tönen

Die Forscher nutzten ein Verfahren der sogenannten sensorischen Substitution. "Bei diesem wird die Information von einem fehlenden Sinnesreiz durch den Input von einem anderen Sinn ersetzt", sagt Amedi. "So wie Fledermäuse und Delfine Töne und Echolokation nutzen, um mit ihren Ohren zu sehen." In der aktuellen Studie wurde eine Schwarz-Weiß-Kamera mit 60 mal 60 Pixeln verwendet, bei der ein Algorithmus in einem angeschlossenen Computer jeden Pixel in einen bestimmten Ton verwandelt. "Stellen Sie sich zum Beispiel eine Diagonale vor, die von links oben nach rechts unten verläuft; wenn wir eine absteigende Tonleiter nutzen - von rechts nach links auf einer Klaviertastatur -, erhält man so eine gute Vorstellung", erläutert Striem-Amit. Auf diese Weise erschafft das System eine ganze Klanglandschaft, die ein Blinder mit einiger Übung gut interpretieren kann. In Zeiten von Google Glass, wo man ganze Computer in Brillen integrieren kann, eröffnen sich somit ganz neue Möglichkeiten für akustisch basierte Sehhilfen.

Zugleich erbrachte die Studie auch neurowissenschaftlich interessante Ergebnisse. Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie konnten die Forscher nämlich nachweisen, dass die akustische Umgebungsinformation aus den Experimenten tatsächlich im visuellen Cortex des Gehirns verarbeitet wurde, und zwar in einer Region, die speziell für die Körperwahrnehmung zuständig ist.

© SZ vom 07.03.2014

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