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Reptilien:Schlaue Schildkröten

Sie navigieren durch Labyrinthe, lernen von Artgenossen und haben ein gutes Gedächtnis: Schildkröten und andere Reptilien sind intelligenter als gedacht. Wieso ist den Forschern diese Scharfsinnigkeit bislang entgangen?

Schildkröten können voneinander lernen

Schildkröten können voneinander lernen

(Foto: Reuters)

Wer in der Wissenschaft berühmt werden will, hat als Schildkröte nicht die schlechtesten Karten. Andere Tiere müssen sich gegen bekannte Konkurrenten behaupten: Hunde zum Beispiel gegen den Border Collie Chaser, der mehr als 1000 Begriffe zuordnen kann, Menschenaffen gegen den Bonobo Kanzi, der sich per Zeichensprache mit seinen Betreuern unterhält, und Vögel gegen den Graupapagei Alex, der sinnvolle Gespräche mit seiner Besitzerin zu führen schien.

Trotzdem wäre es unfair, den Erfolg der Schildkröte Moses allein mit fehlender Konkurrenz zu begründen. Moses ist die Protagonistin mehrerer wissenschaftlicher Artikel. Und vor allem hat sie großen Anteil daran, dass sich das Ansehen von Reptilien zu wandeln beginnt. Galten Schildkröten, Echsen und Schlangen bislang als ebenso unwillig wie unfähig zu höheren kognitiven Leistungen, so zeigen nun immer mehr Experimente, wozu Reptilien tatsächlich in der Lage sind. Die Tiere geben nicht nur überraschende Fähigkeiten preis - sondern womöglich auch Hinweise auf die Evolution von Gedächtnis- und Lernleistungen.

Clever durchs Labyrinth

Moses jedenfalls hat ihre Besitzerin, die Kognitionsforscherin Anna Wilkinson, in den vergangenen Jahren immer wieder erstaunt. Zum Beispiel, als das Reptil einen Orientierungstest lösen sollte, wie ihn viele Labormäuse und -ratten bewältigen. Das Tier sitzt im Zentrum eines Labyrinths, von dessen Mitte acht Gänge abzweigen. Am Ende jedes Ganges wartet Futter auf den Probanden. Der erweist sich als clever, wenn er jeden Gang nur einmal aufsucht, aber auch keinen auslässt. Moses machte Fehler bei diesem Test, das schon. Insgesamt aber wählte sie deutlich häufiger den richtigen Gang aus, als dem bloßen Zufall nach zu erwarten gewesen wäre, und mied außerdem jene Gänge, die sie schon aufgesucht hatte.

Wer Reptilien für dumm hält, wird sich von diesem Versuch vielleicht noch nicht vollständig vom Gegenteil überzeugen lassen. Doch Wilkinson, die derzeit an der britischen University of Lincoln arbeitet, setzte noch einen Schwierigkeitsgrad drauf. In einem zweiten Versuch schirmte sie das Labyrinth so ab, dass Moses sich nicht mehr anhand von auffälligen Gegenständen rund um die Testarena orientieren konnte.

Na und? Moses wusste sich zu helfen. Sie ging die Sache systematisch an und suchte einen Gang nach dem anderen auf, ordentlich der Reihe nach. Besonders kreativ wirkt das zwar nicht. Doch Wilkinson war begeistert: Das systematische Vorgehen der Schildkröte belege eine Flexibilität im Verhalten, die nicht zum Bild eines ausschließlich instinkt- und reflexgesteuerten Tieres passt.