Kinder-Psychologie Konformisten im Kindergarten

Bereits Vierjährige unterwerfen sich dem Gruppenzwang und schließen sich der Mehrheitsmeinung an - selbst wenn sie es besser wissen. Besonders stark wirkt der Druck, wenn Kinder ihre Meinung öffentlich machen müssen.

Von Christian Weber

Wer als Vater und Mutter die Widerstandskraft und Schreigewalt von teilsozialisierten, kleinen Kindern etwa bei der Einschätzung von Kleiderfragen erlebt, mag kaum glauben, dass diese sich sonderlich konform verhalten können.

Selbst wenn Kindergartenkinder genau wissen, dass ihre Altersgenossen etwas Falsches behaupten, schließen sie sich der Mehrheitsmeinung meist an.

(Foto: dpa)

Doch offenbar zählen Gleichaltrige im Kindergarten mehr als die Eltern, wie eine Studie von Daniel Haun und Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig (Child Development, online) nahelegt. Ihre Wiederholung eines klassischen Konformitäts-Experimentes an 96 Vierjährigen zeigt, dass die Kinder sich durchaus dem Gruppendruck beugen, obwohl sie es besser wissen.

Im ersten Teil der Studie erhielten jeweils vier Kinder scheinbar identische Bilderbücher mit 30 Doppelseiten, auf denen links Tierfamilien abgebildet waren. Auf der rechten Seite befand sich jeweils ein Mitglied dieser Familie, das benannt werden sollte: Papa, Mama oder Kind.

Obwohl die Versuchskinder dachten, dass alle Bücher gleich aufgebaut seien, war dies nur bei dreien der Fall. Im vierten Buch war auf einigen rechten Seiten ein anderes Bild zu sehen, sodass ein Kind gelegentlich in Widerspruch zur Gruppe geraten musste.

Es ergab sich, dass diese Kinder wider besseres Wissen meist der Mehrheitsmeinung folgten: Von 24 Kindern mit dem anders präparierten Buch passten sich 18 Kinder zumindest manchmal an.

In einem zweiten Experiment untersuchten die Forscher, wodurch dieses konforme Verhalten verursacht wurde. Diesmal sollten die Kinder die richtige Lösung entweder laut aussprechen oder lediglich auf der linken Buchseite das richtige Familienmitglied zeigen. Dabei war der Raum so gestaltet, dass nur der Versuchsleiter, nicht aber die anderen Kinder die Geste sehen konnte.

Diesmal zeigte sich ein wichtiger Unterschied: Von 18 Kindern, die der Minderheit in den Gruppe angehörten, folgten zwölf der Mehrheit, wenn sie ihre Wahl laut aussprechen mussten. Beim stillen Zeigen waren es jedoch nur noch acht, selbst dann, wenn die drei anderen sprachen. Dies werten die Forscher als Beleg dafür, dass der soziale Druck stärker wirkte, wenn die Kinder ihre Meinung öffentlich machen mussten.

Die Experimente bestätigen bei Vorschulkindern, was der Sozialpsychologe Solomon Asch bereits 1951 bei Erwachsenen in einem ähnlich aufgebauten Experiment demonstriert hatte. Asch brachte seine Versuchsteilnehmer dazu, dass sie der Einschätzung anderer, von ihm instruierten Probanden folgten, wenn es darum ging, die Länge einer Referenzlinie im Vergleich zu drei weiteren Linien zu beurteilen.