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Psychologie:Die Verletzlichkeit der Anderen

Symbolfoto Gestellte Aufnahme zum Thema mobbing in sozialen Netzwerken Neben dem Gefaellt mir Butt

In den sozialen Medien zeigen viele Menschen ihre schlechten Seiten.

(Foto: Thomas Trutschel/photothek.net/www.imago-images.de)

Selbst fühlen sich die meisten Menschen gerüstet gegen die Wirkung von Hasskommentaren. Den Schaden vermuten sie bei anderen.

Zu Tode amüsiert, der digitalen Demenz anheimgefallen und in der Online-Sucht verwahrlost: Ganze Generationen unschuldiger Kinder müssten mittlerweile an die zerstörerische Macht der Massenmedien verloren gegangen sein. Comics, Computerspiele, Rockmusik, Schimpfwörter in Songtexten, Gewaltverherrlichung in Rap-Lyrics, Pornografie - die Liste ist lang. Seit Jahrzehnten heißt es, dass das alles doch keinen guten Einfluss auf das Denken, Erleben und die Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen haben könne. Natürlich drängt sich zu jeder Zeit (wie jetzt gerade auch) der Eindruck auf, die Welt sei nun endgültig am Durchdrehen, aber die großen, befürchteten Effekte provozierender Medieninhalte bleiben irgendwie aus.

Ein Aspekt zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch die moralischen Entrüstungsstürme rund um solche vermuteten Medien-Effekte: Sich selbst halten die meisten Menschen für weitgehend immun gegen den schädlichen Einfluss fragwürdiger Inhalte; als verletzbar gelten ihnen hingegen stets die anderen. Deren Seelen müssten folglich geschützt werden, gern mithilfe von Verboten und Vorschriften.

Die meisten Leute denken wie besorgte Eltern

Offenbar, so berichten Lei Guo und Brett Johnson von der Universität Missouri im Fachblatt Social Media + Society, gilt das auch für sogenannte Hate Speech: Gefühlt haben Hasskommentare demnach stets große Wirkung auf andere, aber nicht auf einen selbst. Die beiden Wissenschaftler setzten mehr als 350 Probanden Hasskommentaren aus, wie sie täglich in den sozialen Netzwerken zu finden sind. Die Verwünschungen trafen in diesem Fall Migranten, Frauen und Angehörige sexueller Minderheiten. Stets sollten die Teilnehmer der Studie angeben, wie schwerwiegend diese Hasskommentare auf andere Leute und auf sie selbst wirken würden. Dabei ergab sich eine klare Diskrepanz: Andere empfanden die Probanden als deutlich verletzbarer als sich selbst. Für die meisten der Themen befürworteten die Studienteilnehmer dann auch eine entsprechende Regulierung oder Zensur durch Gesetzgeber oder Konzerne wie Facebook, auf deren Plattformen solche Beschimpfungen tagtäglich gepostet werden.

Die Wissenschaftler präsentieren mit ihrer Studie einen Spezialfall für ein gut dokumentiertes Phänomen: den Third-Person-Effekt (TPE). Die TPE-Hypothese wurde 1983 von dem Soziologen Phillips Davison formuliert und seither durch zahlreiche empirische Belege untermauert. So präsentierten zum Beispiel Forscher um Douglas McLeod 1997 eine Studie im Fachblatt Communication Research, in der sie den Effekt in Zusammenhang mit gewaltverherrlichenden und frauenverachtenden Rap-Texten beobachteten. Auch in diesem Zusammenhang wurde vermutet, dass diese Lyrics das Denken und Handeln anderer Menschen kontaminierten, das eigene davon aber unbeeindruckt bleibe.

Dahinter stecke eine Form paternalistischen Denkens, argumentieren Guo und Johnson. Wie besorgte Eltern nähmen Menschen mit diesem Charakterzug an, andere Personen seien nicht in der Lage, auf sich selbst achtzugeben und mit derlei negativen Medieninhalten umzugehen, ohne Schaden zu nehmen. In ihrer aktuellen Studie ermittelten die beiden Wissenschaftler der Universität Missouri, wie ausgeprägt das paternalistische Denken ihrer Probanden war. Sie fanden Hinweise darauf, dass es in manchen Fällen mit einer stärkeren Befürwortung von Zensurmaßnahmen einherging - auch wenn die Daten nicht so eindeutig waren wie in anderen Studien.

Sicher scheint zu sein, dass diese Form des Denkens bei Frauen häufig stärker ausgeprägt ist als bei Männern und diese eher Maßnahmen befürworten, die das Recht zur freien Rede einschränken. McLeod schrieb denn auch einst, es sei wegen dieses Geschlechterunterschieds korrekt, von maternalistischem statt paternalistischem Denken zu sprechen.

Hass ist es nur, wenn die Gegenseite etwas Blödes sagt

Eine weitere Diskrepanz in der Beurteilung von Hasskommentaren lässt sich im Übrigen täglich in den sozialen Medien beobachten - und durch die Forschungsliteratur zu Gruppenpolarisation absichern oder erweitern: Als Hate Speech wird eine Aussage immer nur dann gebrandmarkt, wenn die politische Gegenseite etwas Blödes gesagt hat. Wenn die eigene Gruppe hingegen ganze Personengruppen aufgrund kollektiver Merkmale beschimpft, niedermacht oder auf einer Müllkippe entsorgen will, dann hat es ja stets die Richtigen getroffen - und deren wütende Reaktion wird dann als überzogen abgetan und verlacht. Als Hass gilt immer nur die Wut der anderen, und vor diesem müssen dann die vermeintlich labilen, verletzlichen Verbündeten geschützt werden.

© SZ/jrod
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