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Medien:Schwerer Konflikt bei der "Taz"

Taz neue Chefredaktion Junge Winkelmann

Es soll ein Haus für die Zukunft sein: Im Oktober 2018 bezog die Taz ihren Neubau in der Berliner Friedrichstraße.

(Foto: Paul Zinken/picture alliance/dpa)

In der linken "Tageszeitung" erscheint eine Kolumne zum Thema Polizei, Innenminister Seehofer kündigt daraufhin eine Strafanzeige an. In der Zeitung bricht eine aufgebrachte Debatte aus.

Wer den Aufruhr verstehen will, wird um einen Blick auf die Kolumne aus der Taz nicht herum kommen, die alles auslöste. Erschienen ist sie in der alternativen Tageszeitung am Montag der vergangenen Woche. Hengameh Yaghoobifarah schrieb darin, wenn die Polizei abgeschafft würde, der Kapitalismus aber nicht, gebe es für die 250 000 Polizisten hierzulande keine andere Verwendung als "die Mülldeponie" - und legte nahe, sie seien Abfall. So steht es im letzten Satz der Kolumne, in der sich schon vorher wüste Beschimpfungen gegen Polizisten aneinanderreihen, die man, ein Zitat, "streng genommen nicht einmal in die Nähe von Tieren lassen möchte".

Menschen als Müll? Der Text, dessen Anlass die Debatte über Polizeigewalt war, löste Entsetzen aus. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kündigte am Sonntagabend via Bild an, Strafanzeige gegen die Kolumnistin zu stellen: "Eine Enthemmung der Worte führt unweigerlich zu einer Enthemmung der Taten und zu Gewaltexzessen". Auch Polizeigewerkschaften kündigten Strafanzeigen an, beim Presserat gingen zahlreiche Beschwerden ein. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic schrieb an die Taz: "Die Kolumne ist von einer Menschenverachtung geprägt, die ich sonst nur bei Nazis finde."

Bei der Taz ist anhand der Kolumne ein Streit über das eigene Selbstverständnis entbrannt, der auch für die streitfreudige Berliner Redaktion außergewöhnlich heftig - und dazu noch in der Öffentlichkeit - geführt wird, ausgetragen auf Twitter. Nach Redaktionskonferenzen mit erbitterten Diskussionen hat am Samstag Chefredakteurin Barbara Junge eine Entschuldigung formuliert, die zugleich Auftakt einer Debatte im Blatt sein soll. Junge schreibt, dass Yaghoobifarah nach der Kolumne zur Zielscheibe von Hass und Hetze gemacht worden sei, die Redaktion sei deshalb in Sorge um ihr Mitglied. Zugleich erklärt die Chefredakteurin, die erst seit kurzem das Blatt führt, es widerspreche fundamental dem Selbstverständnis der Taz, "Menschen, egal welcher Berufsgruppe, als Müll zu bezeichnen". Es tue ihr leid.

Gibt es im Journalismus einen Generationenkonflikt?

Zwei namhafte Taz-Autoren distanzieren sich deutlich von der Kolumne. Von einer Satire könne keine Rede sein, schreibt etwa der Parlamentsredakteur Stefan Reinecke in der Samstagausgabe, er fühle sich vielmehr an "rechte Hate Speech" erinnert. Andere Taz-Autoren halten diesen Umgang mit der Kolumne für unsolidarisch, Yaghoobifarah werde allein gelassen. Reineckes Text soll der Auftakt der Taz-Debatte sein, für diese Montagsausgabe wurde ein Artikel geplant, der eine Gegenposition vertritt, die Haltung erklären soll, die hinter der Kolumne steckt. Es geht in diesem Konflikt weniger um die so oft hilflos gestellte Frage, was denn Satire dürfe. Der Streit geht tiefer, und er spiegelt vermutlich einen Generationenkonflikt im Journalismus wieder, wie ihn nicht nur die Taz erlebt - über die Frage, wie subjektiv der Blick von Autoren sein darf oder soll. "Bei uns bricht das mal wieder zuerst aus", sagt eine langjährige Taz-Redakteurin am Sonntag. Vor allem einige jüngere Autoren wollten sich oft nicht mit Analysen oder argumentierenden Meinungsartikeln begnügen, sondern mit Härte angreifen, oft aus persönlicher Betroffenheit.

Die Taz ist vor mehr als vier Jahrzehnten als alternatives Projekt gegründet worden, um ein Forum für Nachrichten und Meinungen zu schaffen, die in deutschen Medien der Siebziger Jahre nicht oder kaum vorkamen. Sie erweiterte so das Spektrum, orientierte sich aber über die Jahre zunehmend an klassischen journalistischen Kriterien.

Nun führt die Redaktion, so schreibt Chefredakteurin Junge, einen Konflikt über die Frage, ob es einen anderen Journalismus geben müsse. Konkret wird darüber diskutiert, ob etwa Menschen "mit Diskriminierungserfahrung" anders über Polizeigewalt schreiben. Schon während der Woche erklärte die Taz dazu: "Autorinnen oder Autoren, die selbst mehrfach zum Ziel rassistischer Beleidigungen und Bedrohungen geworden sind, können gleichwohl ein anderes Verhältnis zu dem Thema haben und das in emotionalere und zugespitztere Worte fassen als Autorinnen oder Autoren ohne entsprechende Erfahrungen." Für nicht wenige bei der Taz rechtfertigt das die Kolumne - und manche finden offenbar, dass Menschen ohne Migrationshintergrund sich ganz heraushalten sollen. Sie hätte sich "gewünscht, dass all die White Privilege People" nichts zu der Kolumne gesagt hätten. "Den Diskurs sollten diejenigen führen, die wirklich etwas zu struktureller Diskriminierung zu sagen haben", twitterte die Taz-Geschäftsführerin Aline Lüllmann. Pascal Beucker, Teil des Taz-Vorstandes, sieht darin eine "private Äußerung im Sinne des von der Taz gelebten Meinungspluralismus." Ein Zerwürfnis zwischen Chefredaktion und Geschäftsführung oder dem Vorstand gebe es nicht.

Dass die Geschäftsführerin sich zu Redaktionsbelangen äußerte, fanden andere Redakteure im Gespräch mit der SZ irritierend, dem Selbstverständnis nicht nur dieser Redaktion widersprechend. Und ihre Aussage bedeute letztlich, dass Teile der Redaktion aus dem Gespräch ausgeschlossen werden sollen. Bei der Taz bereiten sie sich auf einen langen Streit vor, viele Redakteure seien aufgebracht und wollten weitere Texte dazu schreiben. Die Lager seien so zerstritten, dass schwer eine Mitte zu finden wäre. Es sei, so ist zu hören, etwas explodiert, was schon lange schwelt.

© SZ vom 22.06.2020
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