Umwelt:Wenn ausgerechnet Recycling die Umwelt verschmutzt

Umwelt: Eine nachhaltige Lösung? Eine Arbeiterin inmitten von Plastikchips aus alten Flaschen in einer Recycling-Fabrik in Sri Lanka.

Eine nachhaltige Lösung? Eine Arbeiterin inmitten von Plastikchips aus alten Flaschen in einer Recycling-Fabrik in Sri Lanka.

(Foto: ISHARA S. KODIKARA/AFP)

Um Abfall verwerten zu können, muss er zerkleinert werden. Dabei entstehen große Mengen Mikroplastik - ein bisher ungelöstes Problem.

Von Susanne Donner

Woher kommt das Mikroplastik? Bisher gab es vor allem eine Antwort: vom Reifenabrieb, der beim Autofahren von den Pneus gescheuert wird. Das summiert sich beim derzeitigen Verkehrsaufkommen auf erhebliche Mengen. Knapp 100 000 Tonnen Abrieb schwemmt der Regen von den Straßen allein in Deutschland in die Böden und in die Kanalisation, rechnete die Bundesanstalt für Gewässerkunde aus. Forschende ahnten jedoch, dass es andere erhebliche Quellen gibt, immerhin sind die kleinen Plastikteilchen von der Antarktis bis zum elf Kilometer tiefen Marianengraben inzwischen überall auf der Welt zu finden. Laut Weltnaturschutzunion gelangen jedes Jahr 3,2 Millionen Tonnen Mikroplastik in die Umwelt.

Nun ist man bei der Ursachensuche einen Schritt vorangekommen: Ein bedeutender Teil stammt aus Recyclinganlagen, ermittelte die Umweltwissenschaftlerin Deonie Allen von der schottischen Universität Strathclyde. Sie hatte die Emissionen einer Recyclingfabrik systematisch untersucht. Dort häckseln riesige Mühlen den Abfall klein - zu Mikroplastik, wenn man so will. 13 Prozent der Masse des Kunststoffabfalls geht als Mikroplastik direkt ins Abwasser der Fabrik, fand Allen heraus. Wenn es nicht gefiltert wird, schwemmt der Betrieb es in den nächsten Fluss, wo die Forscherin es ebenfalls massenhaft nachweisen konnte. Wird das Abwasser indes gefiltert, sank die Menge entkommenen Mikroplastiks immerhin auf sechs Prozent der verarbeiteten Müllgesamtmenge. Immer noch sehr viel, so Allen. Jede Recyclinganlage verarbeitet Zehntausende Tonnen im Jahr.

Recyclingfabriken sind demzufolge neben dem Straßenverkehr bedeutsame Verursacher der planetaren Mikroplastikverschmutzung. Das wirft eine fundamentale Frage auf: Ist Recycling von Plastik wirklich eine nachhaltige Lösung?

Die Industrie setzt auf Recycling, obwohl viele Probleme noch nicht gelöst sind

Die Antwort sollte besser vorliegen, bevor die Weichen vollends auf Kreislaufwirtschaft gestellt werden. Erst Anfang September bekannten sich der Bund der Deutschen Industrie, der Verband der Chemischen Industrie und Plastics Europe Deutschland in einer konzertierten Initiative zur Umstellung der Kunststoffproduktion auf Recycling: Wiederverwendet statt "virgin" (= jungfräulich), wie Fachleute "neues Plastik aus Erdöl" nennen, sollen Konsumgüter aus Kunststoff in Zukunft mehrheitlich sein. Das Verpackungsgesetz schreibt schon seit 2022 eine Quote für die werkstoffliche Verwertung von 70 Prozent für Kunststoffverpackungen vor. Davon ist Deutschland allerdings noch weit entfernt: Bisher wird das Allermeiste aus der Gelben Tonne verbrannt und dabei nur die Abwärme genutzt.

Dass ausgerechnet das Recycling die weltweite Mikroplastikverschmutzung verschlimmert, sorgt für ein geteiltes Echo in der Fachwelt. "Man darf jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten", warnt Hans-Josef Endres, Leiter des Instituts für Kunststoff- und Kreislauftechnik der Leibniz-Universität Hannover. "Recycling ist der richtige Weg, um endliche Ressourcen wie Erdöl zu schonen und einen Werkstoff klug zu nutzen, von dem die gesamte moderne Lebenswelt vom Smartphone bis zu Schuhen, Autos und Windrädern abhängt."

"Recycling ist nicht die Lösung", sagt dagegen Lisa Zimmermann, Biologin, die zum Thema Mikroplastik promoviert hat und bei der Stiftung Food Packaging Forum arbeitet. Aus jedem Kunststoffartikel entstehe Mikroplastik. Diese kleinen Teilchen gelangen in die Umwelt, Tiere wie Menschen atmen sie ein und schlucken sie mit der Nahrung runter. Die Folgen sind unklar, genauso die ökologischen Schäden durch die Verschmutzung. Zu Ende gedacht folgt aus Zimmermanns Argumentation die Forderung nach einem schrittweisen Ausstieg aus dem Plastikzeitalter.

Konsumgüter müssen so designt sein, dass Kreisläufe geschlossen werden können

Das würde dauern. Umso mehr drängt die Frage, wie schmutzig das Recycling wirklich ist und welche Lösungen es überhaupt geben könnte. Beim Schreddern entsteht das meiste Mikroplastik beim Zerkleinern spröder und harter Kunststoffe, berichteten australische Forscher um Michael Stapleton von der Universität Wollongong im August 2023. Am meisten Mikroplastik hinterließ Polycarbonat, aus dem beispielsweise Fahrradhelme bestehen. Es folgte Polyethylenterephthalat PET, das Material für Plastikflaschen. Danach kamen die Verpackungskunststoffe PP (Polypropylen) und HDPE (High Density Polyethylen).

Wenn die Mühlen, die das Plastik kleinschlagen, schnell laufen, entsteht mehr Mikroplastik, sagt Recyclingforscher Hans-Josef Endres. Besonders die Schneidmühle in der von ihr untersuchten Fabrik erzeugte viel Mikroplastik, fand auch Deonie Allen heraus. Das im Abwasser lässt sich zwar filtern. Allerdings, so die Forscherin, würden so nur die groben Partikel größer als zehn Mikrometer entfernt. Die kleineren passierten die Filter der untersuchten Anlage ungehindert. "Bei feineren Filtern und Membranen besteht das Problem, dass sie sich sehr rasch mit Mikroplastik zusetzen", sagt Endres. Die Entfernung von Mikroplastik, aus dem Abwasser der Haushalte ebenso wie der Plastikrecyclingbetriebe, ist technologisch nach wie vor ein ungelöstes Problem.

Es gibt aber auch keine Recyclingverfahren, für die der Kunststoffabfall nicht zerkleinert werden müsste - mit nur einer Ausnahme: PET-Pfandflaschen. Sie werden lediglich gereinigt und bis zu fünfmal wieder befüllt. Mehrfachnutzung wäre mikroplastikärmer - und auch energieschonender - als das Recycling des Materials.

Es ist eine Forderung, so alt wie das Recycling selbst, dass Konsumgüter für die Wiederverwendung designt sein müssen, damit Kreisläufe sinnvoll geschlossen werden können. Noch mehr Pfandsysteme wie bei der PET-Flasche fordert die Deutsche Umwelthilfe seit Langem. Die Bundesregierung weitet die Pfandpflicht ab 2024 zunächst auf Plastik-Milch- und Saftflaschen aus.

"Design fürs Recycling" sei ein Thema, heißt es seitens Plastics Europe Deutschland. Aber die Branche setzt auch auf chemisches Recycling, für das Verpackungen nicht wiederverwendet und der Abfall gar nicht sortenrein sein muss. Für diese Verfahren, bei denen am Ende des Prozesses die gewaltigen Cracker der Erdölindustrie beschickt werden, setzt sich die Initiative von Bund der Deutschen Industrie, vom Verband der Chemischen Industrie und der Kunststofferzeuger ein. Aber auch das chemische Recycling funktioniert nicht ohne Zerkleinern, sagt Hans-Josef Endres. Das Mikroplastikproblem bliebe damit bestehen.

Immerhin: Es ist einfacher, einen Schadstoff zu vermeiden, der punktuell austritt wie an einer Fabrik. Deshalb wäre es eher möglich, die Mikroplastikemissionen an den Fabriken zu reduzieren als bei Millionen fahrenden Autos - vorausgesetzt, entsprechende Umwelttechnik würde existieren.

Aber zurzeit ist frisches Plastik aus Erdöl weiter so günstig, dass viele Recyclingbetriebe schließen, heißt es von Plastics Europe Deutschland. Solange die Wiederverwertung nur die zweite Wahl für Zeiten mit hohen Erdölpreisen ist, bleibt es unwahrscheinlich, dass die Industrie Produktionsstandards freiwillig zugunsten des Umweltschutzes verbessert. Endres ist dennoch zuversichtlich, dass sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln: "Wir bekommen überall Quoten für Rezyklate bei Kunststoffen. Bei neuen Autos sollen es einem Vorschlag aus Brüssel zufolge 25 Prozent aus Altkunststoffen aus alten Autos sein. Diese Vorgaben werden den Recyclern mehr Planungssicherheit geben." Dann müssten sie bei vollen Auftragsbüchern nur noch sauberer werden.

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