SZ-Klimakolumne:Ein Nobelpreis als Warnung

SZ-Klimakolumne: Hurrikan Sam über dem Atlantik - die diesjährigen Nobelpreisträger haben in Wetterdaten nach Signalen für Klimaveränderungen gefahndet

Hurrikan Sam über dem Atlantik - die diesjährigen Nobelpreisträger haben in Wetterdaten nach Signalen für Klimaveränderungen gefahndet

(Foto: AP/AP)

Zwei Klimaforscher erhalten den Physik-Nobelpreis, weil sie die Erderwärmung im Chaos der Wetterdaten sichtbar gemacht haben. Eine deutliche Mahnung an die Politik.

Von Christoph von Eichhorn

Der große Knall war für Montag erwartet worden. An diesem Tag wurden in Stockholm die Träger des Medizin-Nobelpreises bekannt gegeben - und alle Welt, viele SZ-Kollegen eingeschlossen, hatten im Vorfeld erwartet, dass die Corona-Impfstoffforschung ausgezeichnet werden würde. Es kam anders, statt mRNA-Forschern wurden die Entdecker von Temperatur- und Tastrezeptoren geehrt. Dafür setzte das Nobel-Komitee am Tag darauf mit der Verkündung des Physik-Nobelpreises ein deutliches Zeichen.

Die höchste Auszeichnung des Fachs geht je zu einem Viertel an zwei Pioniere der Klimaforschung, den Deutschen Klaus Hasselmann sowie den gebürtigen Japaner Syukuro "Suki" Manabe, der seit den 1950ern in den USA lebt (dritter Preisträger ist der Italiener Giorgio Parisi, der an der La-Sapienza-Universität in Rom zur Physik komplexer Systeme forscht). 1967 hat Manabe zusammen mit dem bereits verstorbenen Richard Wetherall das erste globale Klimamodell entwickelt, das den Einfluss von Kohlendioxid auf die Atmosphäre beziffert: Um 2,3 Grad Celsius heizt sich die Erde demnach auf, wenn sich der Gehalt dieses Treibhausgases verdoppelt. Hasselmann baute auf diesen Modellen auf und entdeckte so in Beobachtungsdaten einige der ersten Signale der Erderhitzung (was die Laureaten genau geleistet haben, können Sie im Text "Die Berechnung des Klimawandels" von Marlene Weiß nachlesen).

Damit ist es den Wissenschaftlern gelungen, Ordnung ins Chaos zu bringen. Schließlich schwankt das Wetter von Tag zu Tag, von Ort zu Ort auf dem Planeten, was das Herauslesen von Mustern äußerst schwierig macht. Schwierig, aber eben nicht unmöglich. Mit der Vergabe sendet das Nobel-Komitee auch die Botschaft, dass die Klimaforschung auf einem stabilen Fundament ruht: Ja, selbst wenn sich das Wetter ständig ändert, ist es möglich, langfristige Trends zu erkennen und eine künftige Erwärmung vorherzusagen. Giorgio Parisi bekräftigte dies in einer Pressekonferenz nach der Bekanntgabe: Die Erderwärmung schreite voran, man dürfe nicht länger zögern sie zu stoppen.

Die Klimamodelle sind zwar mittlerweile deutlich genauer als vor einem halben Jahrhundert, dennoch werden solche grundlegenden Zusammenhänge zwischen Wetter und Klima immer wieder in Zweifel gezogen. Als ein Wintereinbruch Anfang 2019 für Schneemassen und Rekordkälte in den USA sorgte, twitterte Donald Trump: "Wäre nicht schlecht, genau jetzt ein bisschen guten alten Klimawandel zu haben". Und als diesen Juli Starkregen den Westen Deutschlands verwüstete, wurde wochenlang darüber debattiert, ob das Einzelereignis nun auf den Klimawandel zurückzuführen sei oder nicht - obwohl mittlerweile gut belegt ist, dass die Erderwärmung solche Extremereignisse langfristig betrachtet häufiger und intensiver macht.

Zugleich stellen gerade kurzfristige Phänomene Klimaforscher noch immer vor Herausforderungen. So weist der neue Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC explizit darauf hin, dass es auf lokaler Ebene im Vergleich zur globalen Entwicklung auch zu gegenläufigen Klima-Trends kommen kann: Es könnte mancherorts in den nächsten Jahrzehnten also auch kälter werden oder beispielsweise mehr schneien. So wird vermutet, dass der außergewöhnliche Kälteeinbruch in Texas diesen Winter mit einem abgeschwächten Jetstream-Höhenwind zu tun hat, wodurch arktische Kälte bis in den Süden der USA strömte. Also noch reichlich Gelegenheit für Manabes und Hasselmanns Nachfolger, Ordnung ins Durcheinander zu bringen.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

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:Die Berechnung des Klimawandels

Der Physik-Preis geht in diesem Jahr an einen deutschen und einen US-Klimaforscher und an einen Komplexitätsexperten aus Italien. Alle haben Ordnung ins Chaos gebracht.

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