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Navigation:Mit geschlossenen Augen über 20 Meter geradeaus laufen? Das schafft keiner

Mit verbundenen Augen geradeaus zu laufen, das schafft auf Dauer kein Mensch. Ansonsten aber macht der Orientierungssinn große Unterschiede darin, wie sehr er jedem Einzelnen beisteht. Manche Menschen wissen selbst in fremden Städten, welcher Ausgang der U-Bahn-Station sie an der richtigen Stelle ans Tageslicht befördert, andere finden vom Badezimmer nicht zurück ins Wohnzimmer, wenn sie irgendwo eingeladen sind. "Beim Orientierungssinn gibt es sehr große individuelle Unterschiede", bestätigt MPI-Forscherin Marianne Strickrodt.

Wie vorsichtig man jedoch damit sein sollte, die verschiedenen Orientierungsfähigkeiten einzelner Menschen oder Gruppen zu erklären, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie mit mehr als einer halben Million Teilnehmern aus 57 Ländern. Sie alle erprobten ihre Orientierungsfähigkeiten in einer Spiele-App. Dabei offenbarten sich unerwartete Zusammenhänge, die auf einen starken Einfluss sozio-ökonomischer Faktoren auf die Navigationsfähigkeiten hinweisen.

Zum Beispiel korrelieren sie mit dem ökonomischen Wohlstand eines Gebiets. Spieler aus wirtschaftlich gut aufgestellten Regionen wie West- und Nordeuropa schnitten in der App besser ab als Teilnehmer aus Indien, Ägypten und dem Irak. Möglicherweise reisen Menschen in wohlhabenden Ländern mehr und fördern damit ihre Navigationskünste stärker, spekulieren die Autoren.

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Außerdem hat der Grad der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern großen Einfluss, wie unterschiedlich erfolgreich sich Männer und Frauen in dem digitalen Orientierungsspiel schlugen. Probandinnen aus Ländern wie Saudi-Arabien, wo Frauen stark benachteiligt werden, schnitten im Vergleich zu ihren männlichen Mitspielern aus demselben Land viel schlechter ab. In Skandinavien hingegen gab es diese Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Probanden kaum. Vermutlich können Frauen in Ländern, in denen sie von einem Großteil des öffentlichen Lebens abgeschnitten sind, kaum ihre Orientierungsfähigkeiten anwenden und trainieren.

Es ist nicht die einzige Untersuchung, die das simple Klischee von der planlosen Frau und dem Mann mit unfehlbaren Navigationskünsten infrage stellt. Eindeutig fallen die Erkenntnisse der Orientierungsforscher in Hinblick auf Geschlechterunterschiede allenfalls in zwei Punkten aus: Männer schätzen ihre eigenen Fähigkeiten häufiger selbst als gut ein. Das heißt allerdings nicht, dass sie damit automatisch recht haben.

Trotzdem bleibt angesichts der großen individuellen Unterschiede eine Frage: Was machen diejenigen anders, die sich mühelos zurecht finden? Als Probanden in einer Studie während der Wegfindung ihre Überlegungen laut äußern sollten, zeigte sich: Menschen, die meist problemlos ihren Weg finden, können flexibler zwischen verschiedenen Methoden der Orientierung hin und her wechseln.

Vereinfacht gesagt, stehen zwei Strategien zur Auswahl: sich gedanklich in die Vogelperspektive zu versetzen und sich so einen Überblick zu verschaffen, oder sich die Route wie eine Vokabelliste auswendig zu merken: "an der ersten Kreuzung geradeaus, bei der Kirche links bis zur Ampel, dann dreimal rechts abbiegen." Mit welcher Methode man schneller ans Ziel kommt, hängt stark von der jeweiligen Situation ab. Das sogenannte Routenwissen fordert das Gehirn weniger und lässt sich oft schneller lernen, vor allem für Menschen mit schlechtem Orientierungssinn. Haben sie erst einmal gelernt, wo sie in welche Richtung abbiegen müssen, kommen auch sie gut zurecht - solange sie nicht in einem fremden Land das Meer suchen oder in vertrauter Umgebung plötzlich eine Straße gesperrt ist. Denn wer kognitive Ressourcen spart, der zahlt dafür den Preis mangelnder Flexibilität.