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Geografie:Die Karten der erfundenen Orte

Klar ist die Erde quadratisch, steht doch so in der Bibel! Eine Karte von 1893, passend zum Johannes-Evangelium.

Früher konnten die wenigsten Menschen fremde Länder bereisen. Umso fantasievoller waren die Kartografen. Ein Blick auf die Erde, wie sie auch sein könnte.

Gut, ein paar Orte von zweifelhafter Existenz gibt es auch heute noch. So verzeichnen einige Seekarten weiterhin das Maria-Theresa-Riff, das mitten im Pazifik liegen soll und ein amerikanischer Walfänger gleichen Namens angeblich am 16. November 1843 auf dem 37. Breitengrad entdeckt hat. Jules Verne hat es in zwei Romanen als bewohnbare Insel verewigt ("Die Kinder des Kapitän Grant" und "Die geheimnisvolle Insel"), auf der Grant und zwei seiner Matrosen ausgesetzt und erst nach Jahren gerettet werden.

Auf Satellitenbildern taucht das Riff nicht auf, aber wer weiß, vielleicht ist es mittlerweile unter die Wasseroberfläche gesunken. Eine Expedition dorthin, weit abseits aller Schifffahrtslinien, lohnt nicht, und so bleibt es vorerst auf den Karten. Kartografen scheuen sich bis heute, fragwürdige Hindernisse im Meer aus ihren Werken zu streichen. Ein Fehler könnte schließlich zum Untergang eines Schiffes führen, sollte doch mal eines die Gewässer queren.

Erfundene Orte

Hier liegt Atlantis

Doch sind Orte wie das Maria-Theresa-Riff zur Rarität geworden. In der Ära von Google Earth, wo man aus in einer Höhe von 11 000 Kilometern über dem Planeten die Straßen der eigenen Nachbarschaft oder dem Strand des nächsten Sommerurlaubs heranzoomen kann, gibt es kaum noch Raum für kreative Kartografie. Das war früher anders, wie es der britische Autor und Dokumentarfilmer Edward Brooke-Hitching in seinem soeben erschienenen "Atlas der erfundenen Orte" zeigt. "Die größten Irrtümer und Lügen auf Landkarten" - so der Untertitel des Buches - hat er bei seinen Recherchen in den Bibliotheken und Antiquariaten der Welt gesucht und Funde gemacht, die von kühnen Träumen und großer Fantasie künden, vom Ringen um Geld, Macht und Ruhm.

Den Mythos von Atlantis und die Gerüchte vom Gold in El Dorado kennt man natürlich. Aber wer weiß schon, dass sich noch im 19. Jahrhundert südlich der Sahara die sogenannten Kong-Berge auf Afrikakarten fanden, eine Gebirgskette quer durch den Kontinent? Oder ein riesiges Binnenmeer in Australien (siehe links)? Dass Kalifornien noch im Jahre 1720 auf manchen Karten als Insel eingezeichnet wurde und noch 1875 auf einer Karte der britischen Royal Navy 123 Inseln im Nordpazifik eingetragen waren, die schlicht nie existiert haben.

Auf der Insel Taprobana sollen riesige Schildkröten leben

Die Ozeane sind groß und waren früher kaum zu erkunden, die Navigation war ungenau. So boten die Weltmeere der Fantasie und den Stiften der Kartenmaler schon immer den meisten Raum. Es wundert nicht, dass vor allem die Zahl erfundener Inseln kaum zu überschauen ist. Und dass sich in den Meeren die grausigsten Ungeheuer tummelten, so wie auf der skandinavischen Carta Marina von 1524. Dort finden sich zum Beispiel das Meeresungeheuer Physeter, 200 Ellen lang, das ein Schiff einfach zerbeißen kann. Hinzu kommen grunzende Seeschweine, Meereseinhörner und ein ungeheurer Strudel, der alles ins einer Nähe verschluckt.

Doch steckte hinter manchem geografischen Gerücht auch ein Quäntchen Wahrheit. So berichtete bereits Herodot über die Inselgruppe der Kassiteriten, die angeblich zwischen Südengland und Irland liegen. Ein geheimnisvoller Ort, von dem angeblich das Zinn und Blei stammte, das die phönizischen Kaufleute im Mittelmeerraum handelten. Heute vermuten einige Forscher, dass Cornwall gemeint war. Spekulationen gibt es auch über die Insel Taprobana, wo dem römischen Gelehrten Plinius zufolge Schildkröten leben, die so groß sind, dass unter ihren Panzern ganze Familien wohnen können. Der dortige Überfluss an Zimt, Pfeffer und anderen Gewürzen und ihre postulierte Lage im Indischen Ozean lässt vermuten, dass es sich um Sumatra gehandelt haben könnte.

Vielleicht eine für die Polarregion typische Sinnestäuschung, oder schlichte Erfindung war hingegen die Landmasse, die der amerikanische Polarforscher Robert Edwin Peary 1905 im Nordpolarmeer gefunden haben wollte und die er nach seinem Finanzier, dem Bankier George Crocker aus San Franciso, Crocker Land nannte. Vermutlich wollte sich Peary lediglich weitere Unterstützung sichern. Eine eigens eingesetzte Expedition konnte die Insel nicht finden. Noch dreister war der Hochstapler Sir Gregor MacGregor, der gegen 1820 in England den Grund eines fiktiven Fürstentums Poyais in Südamerika verkaufte. Er bewarb sein Geschäft mit einer Karte, auf der fruchtbare Wiesen und Wälder, Gewässer voller Fische, Goldminen und eine prosperierende Hauptstadt eingezeichnet waren. Tatsächlich gab es dort nur malariaverseuchten Sumpf.

Verschwörungstheoretiker vermuten, die CIA habe die Insel einfach weggesprengt

Solche Beispiele zeigen, dass erfundene Orte nicht immer nur unschuldige Produkte der Fantasie sind, sondern manchmal auch rückwirken auf die Realität. Gar nicht so lang her ist der Fall Bermeja, einer mexikanischen Insel im Golf, 200 Meilen vor der Küste. Bis ins 19. Jahrhundert war sie auf den Seekarten, dann war sie zumindest auf britischen Karten plötzlich verschwunden. Aktuell wurde ihre vermeintliche Existenz wieder, als Mexiko Ende der 90er Jahre Bohrrechte für Erdöl im Golf an Bermeja festmachen wollte. Doch zwei Expeditionen suchten vergeblich nach der angeblich 80 Kilometer großen Insel. Fortgeschrittene Verschwörungstheoretiker beschuldigen seitdem die CIA, sie habe die Insel weggesprengt.

Doch solche Streitfälle gibt es nur noch selten im 21. Jahrhundert, wo selbst das Verlaufen in einer fremden Stadt oder im Wald kaum noch möglich ist, weil das Smartphone immer den Weg weiß. Wo Satelliten jeden Quadratmeter des Erdballs abscannen, findet sich immer weniger Platz für erfundene Orte. Ihnen ergeht es wie dem irdischen Paradies, das schon vor Jahrhunderten von den meisten Karten verdrängt wurde (siehe rechts). Aber vielleicht ist es ja auch ein Fortschritt, wenn Menschen ihre Sehnsüchte nicht mehr auf fiktive Länder richten, sondern ihre Heimat zu einem lebenswerten Ort machen.

Alle Karten stammen au s: Eward Brooke-Hitching: Atlas der erfundenen Orte. dtv, 256 Seiten, 30 €.

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