Wahrnehmung Der Orientierungssinn ist in der Menschheit ungerecht verteilt

Ernst Grünwalds "Wegweiser" scheint zu wissen, wo es lang geht.

(Foto: Nila Thiel)
  • Navigationskünste und ökonomischer Wohlstand hängen offenbar eng zusammen.
  • Als Faustregel gilt laut einer aktuellen Studie: Je höher das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt einer Region liegt, umso besser schnitten die dortigen Probanden in einem Orientierungsspiel ab.
  • Reisegewohnheiten könnten einen Teil der Ergebnisse erklären.
Von Katrin Blawat

Im Leben stets die Orientierung zu behalten, dürfte niemandem ganz leicht fallen. Welche Abzweigung ist die richtige? Stur weiter geradeaus laufen oder umkehren? Manche Menschen plagen solche Fragen deutlich stärker als andere: Die Fähigkeit, sich räumlich zurechtzufinden, ist in der Menschheit ungerecht verteilt. Offenbar existieren nicht nur große individuelle Unterschiede, sondern auch deutliche Differenzen zwischen geografischen Regionen. Das berichten Autoren um Antoine Coutrot vom University College London im Fachblatt Current Biology. Mit einer Spiele-App untersuchte das Team die Orientierungsfähigkeiten von fast 560 000 Erwachsenen aus 57 Ländern.

Demnach können sich die Menschen in Nordamerika, Skandinavien, Neuseeland und Australien im Durchschnitt sehr gut, die Bewohner Indiens, Ägyptens und des Iraks hingegen sehr schlecht orientieren. Deutschland liegt in dieser Rangliste auf einem der hinteren Plätze des ersten Drittels. Zusammen mit Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz und Großbritannien schneidet es etwas besser ab als viele südeuropäische Staaten.

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Wichtiger als eine bloße Länder- oder Regionen-Rangliste war den Autoren der Zusammenhang mit Faktoren, die man auf den ersten Blick nicht unbedingt mit der Orientierungsfähigkeit verbindet. So hängen ökonomischer Wohlstand und Navigationskünste eng zusammen. Als Faustregel gilt laut Analyse: Je höher das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt einer Region liegt, umso besser schnitten die dortigen Probanden in dem Orientierungsspiel ab.

Was hinter der Korrelation steckt, können die Autoren nur vermuten. Unter der Grundannahme, dass die App tatsächlich etwas über die Orientierungsfähigkeit eines Spielers im Alltag aussagt, könnten etwa die Reisegewohnheiten einen Teil der Ergebnisse erklären. Wem es wirtschaftlich gut geht, der ist vermutlich häufiger und über weitere Strecken unterwegs als ärmere Menschen, und diese Reisen könnten die Fähigkeit zu navigieren schulen.

Auch die Art des Transportmittels könnte eine Rolle spielen, spekulieren die Autoren. So hätten die Menschen in Nordamerika und Australien womöglich auch deshalb so gut abgeschnitten, weil dort das Auto über öffentliche Verkehrsmittel dominiert. Anderen Studien zufolge fördert das Selbstfahren die Fertigkeit, den Weg zu finden. In Skandinavien wiederum seien Orientirungsspiele weit verbreitet, die Menschen dort also vermutlich sehr geübt in Aufgaben, wie sie die App stellte.

Auch das Alter und zum Teil das Geschlecht spielten eine Rolle dafür, wie gut sich die Teilnehmer zurechtfanden. So erzielten unabhängig von der Herkunft jüngere Probanden bessere Ergebnisse als ältere. Das stimmt überein mit vielen weiteren Untersuchungen, die mit steigendem Alter ein Abnehmen der Orientierungsfähigkeiten belegen.

Mehr Diskussionen dürfte ein weiteres Ergebnis der Studie hervorrufen: Männer fanden sich der App zufolge im Durchschnitt besser zurecht. Wie deutlich der Unterschied zwischen den Geschlechtern war, schwankte jedoch stark zwischen den Regionen. Im Mittel konnten sich Frauen dort schlecht im Verhältnis zu Männern orientieren, wo es grundsätzlich mau um die Gleichberechtigung bestellt ist. In Norwegen und Finnland fanden die Forscher fast keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Teilnehmern, in Saudi-Arabien und Iran hingegen war er deutlich ausgeprägt. Auch in diesem Punkt lässt die Studie nur Vermutungen zu: Wo Frauen von großen Teilen des Alltags abgeschnitten sind, ist es für sie weder möglich noch notwendig, sich im Orientieren zu üben.

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