Massenausbruch In Chile sind die Lachse los

Biologie Massenausbruch

Was Tausende Zuchtlachse nun in freier Wildbahn anrichten, ist nicht kalkulierbar.

(Foto: Gordon Welters/laif)
  • Ein Unwetter hat 700 000 Lachsen aus einer Zuchtfarm in Chile zur Flucht in den Ozean verholfen.
  • Die Tiere sind auf der Südhalbkugel nicht heimisch. Ökologen befürchten daher schwere Auswirkungen für andere Arten.
  • Fischer aus der Region bereiten eine Milliardenklage gegen den norwegischen Konzern vor, der die Zuchtfarm betreibt.
Von Boris Herrmann

In der Kulturgeschichte der entlaufenen Tiere spielt der Lachs bislang eher eine Nebenrolle. Es dominieren die Kätzchen und Hunde, mitunter auch die Problembären, Kängurus und Krokodile, die besonders gerne aus den Zoos ausbüxen, sobald das Sommerloch beginnt. In Chile ist gerade Winter. Ein für diese Jahreszeit typisches Unwetter haben dort 690 000 Lachse zur Flucht genutzt. Sie werden jetzt dringend gesucht.

Die Fische waren bereits am 8. Juli aus einer Zuchtfarm nahe der südchilenischen Stadt Calbuco entkommen. Offenbar hatte ein Gewittersturm ihre Käfige zerstört. Die Anlage gehört dem norwegischen Unternehmen Marine Harvest, dem Weltmarktführer für Zuchtlachs. Solche Vorfälle gibt es in der Branche immer mal wieder, aber selten in dieser Dimension. Die Behörden sprechen von der größten Fischflucht in der Geschichte Chiles.

Umweltschützer befürchten nun eine Katastrophe mit noch nicht absehbaren Folgen. Laut Greenpeace sind die Lachse in chilenischen Aquakulturen einer 700-fach höheren Dosis an Antibiotika ausgesetzt als beispielsweise in Norwegen. Vor der Küste von Calbuco dürften sich nun die Seelöwen, Pinguine und Otter über die gedopten Fische hermachen. Jadille Mussa vom Institut für Landschaftsarchitektur an der Zentraluniversität in Santiago prophezeit deshalb langfristige Gesundheitsschäden für dieser Lachsfresser, etwa "Atembeschwerden und Allergien".

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Bei allem Respekt vor der Macht der Pharmaindustrie, aber die Antibiotika dürften noch zu den geringeren Problemen dieses Fischausbruchs gehören. Die größte Gefahr für das Ökosystem besteht wohl in der schieren Anzahl einer plötzlich frei herumschwimmenden fremden Art.

"Es ist, als würden plötzlich 140 Millionen Mäuse in Santiago de Chile losgelassen"

Der Lachs ist ein Raubfisch des Nordens, auf der Südhalbkugel kommt er in der Natur nicht vor. Er verliert dort seinen berühmten Orientierungssinn und findet selten zurück ins Süßwasser, wie der Zoologe Wolfgang Luther von der TU Darmstadt schon vor Jahrzehnten in seinem Aufsatz "Die Wanderwege der Fische" beschrieb: "Wahrscheinlich, weil der für das Nordmeer eingestellte Sonnenkompass in den südlichen Breiten versagt." Nach Chile kamen die Lachsproduzenten Europas wohl auch deshalb, weil die Umweltauflagen dort deutlich unkomplizierter sind als in ihrer Heimat. Der Lachs ist heute gleich nach Kupfer das zweitwichtigste Exportgut des langen Landes am Ende der Welt.

Was die knapp 700 000 Zuchtlachse nun in freier Wildbahn anrichten, ist laut Experten kaum kalkulierbar. Greenpeace befürchtet, dass sie ganze Bestände heimischer Fischarten ausrotten könnten. "Es ist, als würden plötzlich 140 Millionen Mäuse in Santiago de Chile losgelassen", hat die Organisation ausgerechnet. Der Bund der Fischer in der südchilenischen Region Los Lagos bereitet nach eigenen Angaben eine Milliardenklage gegen Marine Harvest vor.

Die chilenischen Behörden setzten den Norwegern unter Androhung saftiger Geldstrafen eine Frist von 30 Tagen, um mindestens zehn Prozent ihrer Fische wieder einzufangen. Bislang sei das aber nicht ansatzweise gelungen. Der Konzern teilte mit, er nehme die Situation "wirklich ernst" und bittet nun die lokale Bevölkerung um Unterstützung bei der Jagd. Marine Harvest lobte eine Prämie von rund zehn Euro für jeden gefangenen Zuchtlachs aus - tot oder lebendig. Von einem allgemeinen Lachsfangrausch kann aber offenbar keine Rede sein. Das Kopfgeld liegt deutlich unter dem Marktpreis für chilenischen Lachs.

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