Ökologie Erdgas durchs Meeresschutzgebiet

Im Ostseehafen Mukran auf der Insel Rügen stapeln sich Tausende betonummantelte Rohre für die geplante Pipeline. Der Bau sollte eigentlich Anfang 2018 beginnen, bislang fehlen jedoch noch die Genehmigungen.

(Foto: Carsten Koall/Getty Images)
  • Um die Nord-Stream-Pipeline, die über die Ostsee von Russland nach Deutschland führen soll, ist ein internationaler Streit entbrannt.
  • Auch Umweltschützer sind gegen das Projekt: Der Bau könne sich auf Arten wie den Schweinswal negativ auswirken, befürchten sie.
  • In den Gewässern vor der deutschen Küste führt die Pipeline gleich durch fünf Meeresschutzgebiete.
Von Susanne Götze und Tatiana Kozyreva

An einem sonnigen Spätsommertag in Stralsund sitzt Jens Müller in einer Brasserie am Neuen Markt und trinkt Kaffee. Aber genießen kann Müller weder das schöne Wetter noch das Getränk, die Anspannung ist ihm anzumerken. Der Sprecher der Nord Stream 2 AG ist aus der Schweiz angereist, um seine schärfsten Kritiker zu treffen - den grünen Europaabgeordneten Reinhard Bütikofer und die klimapolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Annalena Baerbock. Die beiden haben jede Menge unangenehmer Fragen parat.

Die erste Nord-Stream-Pipeline durch die Ostsee ging 2011 noch recht problemlos über die Bühne. Um die zweite Gasleitung hingegen, die ebenfalls 1200 Kilometer von der russischen Küste bis zum Anlande-punkt in Lubmin in Mecklenburg Vorpommern reicht, ist ein internationaler Streit entbrannt. Denn alleiniger Eigner von Nord Stream 2 ist der russische Gaskonzern Gazprom, Europäer wie die deutsche Wintershall oder die französische Engie sind nur noch Investoren.

Russland hat großes Interesse an dem Projekt, weil es dadurch ein weiteres Druckmittel in die Hand bekäme: Staaten wie die Ukraine könnten künftig bei der Gaslieferung nach Europa umgangen werden. Aus ähnlichen Gründen lehnen die Ukraine und andere osteuropäische Staaten die Pipeline ab; die USA haben mit einem Gesetz Sanktionen gegen die beteiligten Unternehmen ermöglicht. Auch die EU-Kommission hat große Bedenken und versucht seit Monaten, sich offiziell in die Verhandlungen einzuschalten - gegen den Willen der bisherigen Bundesregierung, deren Ansicht nach das Projekt rein privatwirtschaftlich sei, Brüssel habe da nicht mitzureden.

Die Schweinswale vor Gotland könnten durch den Bau der Pipeline vertrieben werden

Doch auch Umweltschützer haben Vorbehalte gegen die zweite Pipeline - und Zweifel, dass diese angesichts der politischen Gemengelage richtig geprüft werden. Das liegt schon am straffen Zeitplan: Von Januar 2018 an sollen Schiffe auslaufen, um die ersten Rohre zu verlegen. Doch dafür liegt bis heute keine einzige Genehmigung der fünf Ostseeanrainerstaaten vor. Das alles nimmt die Nord Stream 2 AG betont gelassen. In Stralsund macht Müller im Gespräch mit den Grünen-Politikern Werbung für die Pipeline; auf lange Sicht, sagt er, werde sie sogar die Gaspreise senken.

Wie zum Trotz stapeln sich Tausende betonummantelte Rohre im Ostseehafen Mukran auf Rügen. Als 2014 aufgrund europäischen Widerstandes das Projekt einer South-Stream-Pipeline durch das Schwarze Meer von Russland nach Bulgarien eingestellt wurde, waren auch schon Tausende Rohre gewalzt - Gazprom blieb auf der Rechnung sitzen. Noch so ein Debakel wollen Jens Müller und die insgesamt fünf europäischen Investoren unbedingt verhindern. Nord Stream 2 hat bereits Aufträge in Milliardenhöhe vergeben.

Rund 200 Kilometer nordöstlich von Stralsund haben sich auf der dänischen Insel Bornholm am selben Augusttag einige Befürworter und viele Gegner von Nord Stream 2 versammelt. In der ersten öffentlichen Anhörung in Rönne wettern Umweltschützer gegen den Pipelinebau. Fischer fürchten um die Laichplätze des Dorsches. Die Pipeline soll genau dann verlegt werden, wenn die Fische sich vermehren. Die Umweltschützer sind auch besorgt um die Schweinswale vor Gotland, die durch den Bau vertrieben werden könnten. Auch das Ausbaggern eines Teils des 1200 Kilometer langen Grabens für die Leitung am Meeresboden ist nicht folgenlos. "Dadurch werden jede Menge Sedimente freigesetzt, in denen auch abgelagerter Dünger enthalten ist, der das Wasser verschmutzt", sagt Jochen Lamp vom WWF. Er hat beim Bergamt Stralsund einen Stopp des Pipelinebaus gefordert. Die kleine Behörde ist für die Genehmigung des Großprojektes zuständig; ohne ihr Ja keine Pipeline.

Auch der Nabu kämpft gegen das Projekt: In den Gewässern vor der deutschen Küste sollen gleich fünf Meeresschutzgebiete durchquert werden. Hinzu kommt die Großbaustelle, sie könnte die Meeresvögel in der Pommerschen Bucht stören. Und überhaupt sei alles viel zu wenig untersucht, um die Langzeitfolgen abzuschätzen.

Noch ist über die Einwände der Umweltschützer nicht entschieden. So richtig rechnet jedoch keiner damit, dass die Einwendungen in Stralsund erfolgreich sein könnten. Das Genehmigungsprozedere in Russland halten viele Umweltschützer sowieso für abgekartet. Dort hat eine kleine Behörde des Verwaltungsbezirks Leningrad im Juli den Pipelinebau durch das Naturschutzgebiet Kurgalsky erlaubt. Greenpeace klagt gegen die Entscheidung, die auf fragwürdigen Expertisen beruhen soll. "Die Gutachten sind getürkt und die Wissenschaftler von Nord Stream bezahlt", sagt Mikhail Durkin, Leiter der NGO Coalition Clean Baltic, der 18 Umweltorganisationen aus Ostseeanrainerstaaten angehören.