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Meerwasserentsalzung:Der Klimawandel verschärft die Wassernot im Nahen Osten dramatisch

Der Klimawandel verschlimmert die Situation noch weiter. Die Zahl der extrem heißen Tage hat sich im Nahen Osten und Nordafrika seit 1970 verdoppelt. Das Max- Planck-Institut für Chemie in Mainz hat berechnet, dass Hitzewellen in der Region bis Ende des Jahrhunderts vermutlich zehnmal häufiger auftreten werden als heute, sollte der Klimawandel wie bisher fortschreiten. Schon Mitte des Jahrhunderts werde es an durchschnittlich 80 Tagen im Jahr ungewöhnlich heiß sein. "Das Klima in weiten Teilen des Orients könnte sich in den kommenden Jahrzehnten so verändern, dass es geradezu lebensfeindlich wird", warnt der Autor der Studie, Jos Lelieveld. Mit 44,2 Grad Celsius stellte die Stadt Khasab in Oman kürzlich einen Weltrekord auf: in einer Nacht im Juni fiel das Thermometer nicht unter diese Marke, die höchste jemals gemessene "kühlste" Temperatur eines Tages.

Nirgends auf der Welt zahlen Bürger weniger für Wasser als in Saudi-Arabien

In den nächsten Jahrzehnten dürfte sich auch die Wassernot in der Region verschärfen. Laut Klimamodellen könnte etwa die vergleichsweise feuchte Region um den Fruchtbaren Halbmond rund um Euphrat und Tigris trockener werden. Das World Resource Institut warnt bis 2040 vor "extrem hohem Wasserstress" in einigen Staaten.

Meerwasserentsalzung sei daher "das technologische Schicksal" der Region, sagt Hussein Amery, Nahost-Forscher und Experte für Ressourcen an der Bergbauuniversität Colorado. Das liege aber auch an einem immer höheren Wasserverbrauch in den arabischen Ländern. Die Bevölkerung wächst dort so schnell wie fast nirgends auf der Welt. Dazu kommt ein luxuriöser Lebenswandel, mit einem erhöhten Wasserverbrauch, etwa wegen eines gestiegenen Appetits auf Fleisch. Für die Produktion von einem Kilo Rindfleisch werden etwa 15 000 Liter Wasser benötigt, verglichen mit 1500 Litern für ein Kilo Getreide. "Angesichts der Knappheit müsste man meinen, Wasser wäre in den Golfstaaten teuer", sagt Amery. Doch das Gegenteil sei der Fall: "Wasser wird praktisch verschenkt." Nirgends auf der Welt zahlen Bürger weniger für Wasser als in Saudi-Arabien. Das Königreich wie auch die meisten anderen Golfstaaten subventionieren den Wasserpreis zu etwa 90 Prozent, die Verbraucher tragen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten, wenn überhaupt. In Qatar zapfen Einwohner Wasser völlig kostenlos. Mit der Freigiebigkeit erkauften sich die Regierungen die Zustimmung der Einwohner zu einer oft autoritären Staatsführung, sagt Amery. Das lädt jedoch zu Verschwendung ein. Der Pro-Kopf-Verbrauch in der Golfregion ist mit bis zu 750 Litern pro Tag der höchste weltweit.

Ein Großteil des Frischwassers fließt zudem in die Landwirtschaft, und dort gibt es keinerlei Anreize, Wasser einzusparen, etwa über effiziente Bewässerungssysteme. "Schlechtes Wassermanagement ist weltweit ein Problem, aber fast nirgends ist es so augenfällig wie am Golf", sagt Amery. Eine Folge: der Bau immer neuer Entsalzungsanlagen.

Das erzeugt jedoch eigene Probleme. Zwar wird in den Anlagen sauberes Trinkwasser gewonnen, zugleich entsteht aber eine sehr salzhaltige Brühe, die sehr sparsam ins Meer geleitet werden muss, um die Ökosysteme nicht zu zerstören. Einige Anlagen stehen auch an Flüssen, dort ist die Rückleitung der Lake besonders schwierig. Auch die CO₂-Emissionen aus dem Betrieb der Entsalzungsanlagen steigen seit Jahren, einige Hundert Millionen Tonnen Treibhausgase gelangen für sauberes Wasser jedes Jahr in die Atmosphäre, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen. Damit trägt die Wassergewinnung aus dem Meer mittlerweile selbst zum Klimawandel bei.

Für Entspannung könnte eine Technologie sorgen, die immer häufiger eingesetzt wird, die sogenannte Umkehrosmose. Im Prinzip handelt es sich um einen Filter mit sehr feinen Poren, die Salz zurückhalten. Wenn man Meerwasser durch diese Membranen presst, lässt sich um einiges energiesparender Trinkwasser gewinnen als mit der Verdampfungstechnik. Auch Dschabal Ali setzt die Umkehrosmose in einem Teil der Anlage bereits ein und erzeugt damit mehr als 100 Millionen Liter Trinkwasser am Tag.

Die Kosten für die Membranen sind in den vergangenen Jahren stark gefallen, zugleich wird die Technik immer effizienter. Und die Membrantechnik hat noch einen weiteren Vorteil: Statt Wärme für die Verdampfung braucht die Umkehrosmose Elektrizität, um hohen Druck zu erzeugen. Deshalb hoffen Experten, dass sich die Umkehrosmose künftig auch gut mit erneuerbaren Energien wie der Photovoltaik betreiben lässt. "Mittlerweile findet ein Umdenken statt", sagt Alexander Kroiß, Verfahrenstechniker an der TU München. "Man schwenkt bei der Entsalzung immer mehr auf erneuerbare Energien um."

Die Abhängigkeit von einer einzigen Technik macht manche Staaten verwundbar

Die arabischen Länder sind dafür besonders gut geeignet, da die Sonne dort fast das ganze Jahr hindurch Strom liefert. Allerdings lässt sich so natürlich nur tagsüber Strom und damit Trinkwasser erzeugen. Zudem laufen auch im Nahen Osten vor allem morgens und abends die Wasserhähne, also zu einer Zeit, in der die Sonne kaum Strom liefert. Am Lehrstuhl für Thermodynamik der TU München wurden verschiedene Szenarien durchgerechnet, und man hält dort die Photovoltaik trotz der Schwankungen für gut geeignet, um den Durst ganztägig zu stillen. Stromspeicher, wie das örtliche Stromnetz oder Batterien, sind dabei der Schlüssel, nicht nur um die Schwankungen aufzufangen, sondern auch um konstant Trinkwasser bei gleichbleibender Qualität zu liefern. Eine andere Möglichkeit wäre, das Wasser im Überfluss zu produzieren, wenn der Strom dafür ausreicht, und es nachts in großen Tanks zu lagern. Derzeit untersucht die TU München eine Pilotanlage am Roten Meer in Israel, die Photovoltaik und Entsalzung via Umkehrosmose vereinen soll. Einige Wissenschaftler arbeiten auch daran, Salzwasser in elektrischen Feldern von Salzen zu befreien.

Die Wasserversorgung der Region breiter aufzustellen, ist wohl auch aus politischer Sicht eine gute Idee. Die starke Abhängigkeit von einer einzigen Technik macht einige Staaten äußerst verwundbar, sagt Nahost-Experte Amery. In einem Buch beschreibt Amery die Wasserknappheit als Gefahr für die nationale Sicherheit der Golfstaaten. Die Trinkwasserversorgung in den Städten der Region hängt schon zu mehr als der Hälfte von der Entsalzung ab. Die Entsalzungsanlagen zählten heute bereits zur "kritischen Infrastruktur" im Nahen Osten, sagt Amery. Im Fall eines größeren Konflikts seien sie äußerst leichte Ziele - mit fatalen Folgen für alle.

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